Wenn Tradition auf moderne Kampfkunst trifft und sich über 700 Starter aus ganz Europa vor der schneebedeckten Kulisse von Davos versammeln, dann ist die Bühne bereit für etwas Besonderes. Bei der offenen Europameisterschaft des Weltverbandes Taekwondo International am 28. März zeigten die Kämpfer von Lyong Ho Hameln (in Kooperation mit dem TSV Klein Berkel), dass sie zur europäischen Spitze gehören: Sechs Teilnehmer kehrten mit sechs Medaillen im Gepäck zurück ins Weserbergland.

Foto: privat.
Ein Comeback nach 27 Jahren
Ein emotionales Herzstück der Reise war die Rückkehr von Dr. Joswin Kattoor (6. Dan) auf die internationale Matte. 1999 wurde er erstmals Europameister in Eindhoven. Dass er es 27 Jahre später erneut ganz oben auf das Treppchen schaffen würde, ist ein Zeugnis für außergewöhnliches Durchhaltevermögen und eisernen Fokus. Seine letzte Wettkampferfahrung sammelte er 2017, als er erneut Deutscher Meister wurde. Für Dr. Kattoor ist dieser Erfolg auch eine Bestätigung seiner Philosophie: „Erfahrung ist die Basis und entscheidend für eine Reaktivierung von Fähigkeiten“, so der Großmeister. Mit der technisch hochanspruchsvollen 23. Hyong „So San“ – mit 72 Bewegungen die längste Form des Hyong-Systems – setzte er sich von der Konkurrenz ab und sicherte sich mit einer Traumbewertung von unter anderem 9,8 (von 10) den EM-Titel. Auch im Freikampf bewies er nach neunjähriger Pause seine Klasse und erkämpfte gegen den späteren Europameister aus den Niederlanden die Bronzemedaille.
„Klein, aber oho“: Der Nachwuchs stiehlt die Show
Die Jüngste im Bunde, die neunjährige Jiya Kattoor, sorgte für Staunen. In der neuen Disziplin „Speed Kick“ trat sie in einer Gruppe gegen teils deutlich ältere und größere Kontrahenten an. Mit 54 Treffern in 30 Sekunden schrammte sie nur um einen einzigen Kick am Gold vorbei und wurde stolze Vize-Europameisterin. Auch in der Disziplin Formen (Hyong) hielt sie dem enormen Druck stand und belegte einen hervorragenden vierten Platz. Ihr Bruder Jayan Kattoor bestätigte seine starke Form der Vorwochen und erkämpfte sich in einem hochkarätigen internationalen Feld den fünften Platz.
Familiensport auf Leistungsniveau
Die Sportschule Lyong Ho als Sparte des TSV Klein Berkel lebt das Konzept des Familiensports. Dass Breitensport und Spitzenleistung Hand in Hand gehen, bewiesen Benjamin Drobeck, Torben Auhagen-Meier und Steven Klein eindrucksvoll. Benjamin Drobeck (1. Dan) beeindruckte die Kampfrichter nachhaltig: Er lief eine Form, die er erst kürzlich erlernt hatte, so präzise, dass er erst im Stechen knapp unterlag – Vize-Europameister! Im Kampf scheiterte er erst im Viertelfinale knapp an dem jüngsten WM-Teilnehmer aus Glasgow, dem späteren Europameister. Steven Klein überzeugte durch Souveränität und Kraft in seinen Formen und sicherte sich ebenfalls den Vize-Titel. Im Kampf unterlag er zwar knapp gegen einen technisch versierten Gegner, jedoch mit der wertvollen Erkenntnis, dass der Sieg greifbar nahe war. Torben Auhagen-Meier konnte in der Disziplin Formen seine Qualität noch nicht in Gänze zur Geltung bringen, lief die Form jedoch vollständig sowie solide und bestätigte damit, dass er bereit für den Schritt zum Fortgeschrittenen ist. In der Kategorie Kampf konnte Auhagen-Meier durch ein Freilos ins Finale vorstoßen. Dort fand er erst spät in den Kampf, wodurch sein schneller Gegner den initialen Vorsprung ausbauen konnte. Trotz einer spektakulären Aufholjagd mit fliegenden Fußtechniken zum Kopf konnte er den Punktabstand nicht mehr ganz aufholen und sicherte sich die Silbermedaille.

Lyong Ho Hameln in Davos. Foto: privat.
Ein starker Spirit
Die Bilanz der gesamten Sportschule Lyong Ho (mit Standorten unter anderem in Köln, Berlin, Basel und Hameln) ist mit insgesamt 28 Medaillen überwältigend. Doch für die Hamelner Gruppe zählte mehr als nur Edelmetall: Das gemeinsame Abendessen, das Training morgens um 6 Uhr in der Unterkunft in Seewis und die traditionelle Eröffnungsfeier mit Schweizer „Schwingern“ prägten die Reise. Besonders bewegend waren die Begegnungen am Rande der Matte, wie etwa mit einem ehemaligen MMA-Kämpfer, der seit einem Unfall im Rollstuhl sitzt und den Kämpfern zeigte, was wahrer Kampfgeist bedeutet. Diese Erfahrungen auf der internationalen Bühne festigten den „Lyong Ho Spirit“. „Dieser Erfolg gehört auch unserem Technikdirektor Großmeister Padith Phongpachith“, betonte Dr. Kattoor abschließend. Die Kämpfer kehren nicht nur mit Medaillen, sondern mit wertvollen Erfahrungen zurück – bereit für die nächsten Herausforderungen im Training beim TSV.
Interessierte finden die Trainingszeiten auf der TSV-Webseite:
https://www.tsv-kleinberkel-wangelist.de/taekwondo/
Kommentare