27.03.2021 08:39

Leichtathletik


Töteberg wird zu „Killhill“: Vom faulen Kreisklassenkicker zum Marathonläufer

„Am lautesten gestöhnt, wenn es hieß: 'Bringt eure Laufschuhe mit'“ / Töteberg will den Berlin-Marathon absolvieren

Fabian Töteberg: Vom Laufmuffel zum Laufwunder.
„Laufen ist langweilig“, diesen Satz haben alle Menschen, die sich dem Laufsport verschrieben haben, von Freunden oder Bekannten mit Sicherheit nicht nur einmal gehört. So auch Fabian Töteberg. Mit einem Unterschied: Er gehört früher selbst zu denjenigen, die kein Verständnis dafür aufbringen können, Spaß beim Laufen zu empfinden. „Für mich als Fußballer war die Lauferei eher ein Mittel zum Zweck. Standfußball macht ja auch keinen Spaß (lacht). Ich habe früher immer zu denjenigen gehört, die in der Vorbereitung am lautesten gestöhnt haben, wenn es hieß: 'Bringt eure Laufschuhe mit'“, lacht Töteberg heute. Wieder einmal scheint es dieses viel beschriebene Ironie des Schicksals zu sein, dass „Totti“ ein paar Jahre später für seinen ersten Marathon trainiert. Sein großes Ziel ist der 42 Kilometer-Lauf in Berlin, einer der großen „Marathon-Grand Slams“. Doch wie konnte es überhaupt so weit kommen? Dass ein Fußballer, primär in der Kreisklasse beheimatet und hauptsächlich für Tünderns Dritte spielend, einen Ehrgeiz in einem Bereich entwickelt, der ihn einst am meisten beim Fußball gestört hat? Eines sei vorweggenommen: Es war keine Liebe auf den ersten Lauf – und auch nicht auf den zweiten. Eher auf den zehnten. Oder den dreiundachtzigsten.


Tötebergs Motivation trotzt jedem Schauer...
„Ich habe in meiner gesamten Jugendzeit für Tündern gespielt und war danach im Herrenbereich ebenfalls nur für Tündern am Ball. Nach einer zwischenzeitlichen Pause habe ich vor allem in der dritten Herren gespielt, weil dort viele meiner Freunde aktiv waren. Und immer, wenn es hieß, dass wir laufen, war der Tag gelaufen“, lacht Töteberg während seines Wortspiels. Doch wie das Leben so spielt, muss seine Begeisterung für den Mannschaftssport im Allgemeinen und Fußball im Speziellen irgendwann Platz für wichtigere Dinge im Leben machen: Hochzeit, Familiengründung, Hausbau. „Gerade in der Hausbauphase haben wir sehr viel um die Ohren gehabt, da musste ich den Fußball zwangsläufig ruhen lassen.“ Es wird weniger und irgendwann, so um das Jahr 2016, bleiben die Stollenschuhe dauerhaft im Schrank. Töteberg führt zwar auch ohne die geliebte Kickerei ein glückliches Leben, aber als die T-Shirts aufgrund eines sich ausdehnenden Bauchumfangs enger werden, fasst er einen Entschluss. Der Sport muss wieder eine Rolle spielen – und die Sportart seiner Wahl muss mit seinem Berufs- und Familienalltag möglichst gut vereinbar sein. „Mannschaftssport fällt unter dieser Prämisse flach, da man sich terminlich verpflichten muss, um seine Mitspieler nicht im Stich zu lassen. Fitnessstudio war für mich auch keine Option, am Ende geht man eh nicht hin und zahlt nicht nur Geld, sondern hat auch noch ein schlechtes Gewissen. Also habe ich mir gedacht: Komm, dann läufst du einfach los. Das kann jeder, ist grundsätzlich nicht schwierig und man muss kein Geld ausgeben, um direkt durchzustarten. Also habe ich meine alten Laufschuhe, die nahezu im Neuzustand waren (lacht), rausgeholt und bin losgelaufen“, erinnert sich Töteberg an seine Initialzündung, die – ganz ohne pathetischen Ansatz – sein Leben verändert wird...


...und jedem Schneesturm.
Wie so oft gilt allerdings zunächst: aller Anfang ist schwer. So auch bei „Totti“: „Ich wohne auf dem Basberg, bin einmal runter und einmal wieder hoch gelaufen, eine Strecke von knapp drei Kilometern. Ich war ziemlich im Eimer und überrascht, wie wenig Fitness noch in mir gesteckt hat. Ich dachte mir: das kann's nicht sein.“ Statt sich seinem unfitten Zustand zu ergeben und tatenlos zuzusehen, wie der Bauchumfang langsam aber sicher zu einer Papa-Plautze heranwächst, beißt er auf die Zähne – und fängt irgendwann an, dieses bis dahin völlig unbekannte Gefühl zu entwickeln. Töteberg empfindet erstmals Spaß beim Laufen. Trotz genau der Rufe, die er selbst seinen laufenden Freunden entgegengeworfen hat: „Das macht doch keinen Spaß, wie kannst du nur laufen?“ Töteberg erzählt: „Ich habe es ja selbst kaum für möglich gehalten. Aber wenn die Schmerzen weg sind und sich eine gewisse Grundfitness einstellt, kommt tatsächlich eine gehörige Portion Spaß dazu. Dieser Punkt ist relativ schnell erreicht." In den darauf folgenden Wochen und Monaten steigert er Tempo und Distanz, ist im Gegenzug, wenn er zu Hause ankommt, nicht mehr am Boden zerstört. „Das war für mich ein Riesending. Auf einmal war der Tag nicht nach der Laufeinheit vorbei (lacht).“ 


Statt Regen oder Schnee erlebt Töteberg aber auch malerische Momente.
So ziehen die Monate ins Land und Töteberg erfreut sich an seinem neuen Hobby – bis sein Kumpel Kai Vahlpagel ihm die Sache noch zusätzlich versüßt. „Er hat mir den Tipp gegeben, dass ich mir ein Ziel suchen soll, auf das ich hinarbeiten kann. Das erhöht die Motivation“, sagt Töteberg. Also meldet er sich im September 2019 kurzerhand für einen 10 Kilometer-Nachtlauf in Hannover an. Spätestens hier wird Tötebergs Feuer der Leidenschaft endgültig entfacht: „Es war ein super Erlebnis. Die Atmosphäre war einmalig, die Menschen waren unglaublich nett, alle waren positiv gestimmt und am Streckenrand haben Zuschauer uns angefeuert. Man konnte für sich oder gemeinsam laufen, aber Rivalitäten gab es nicht. Das hat mich angesteckt.“ Darüber hinaus bricht er erstmals seine „Schallmauer“ von 50 Minuten über 10 Kilometer, braucht für die Strecke nur rund 46 Minuten. „Das war für mich der Beweis, dass ich große Fortschritte gemacht habe. Also habe ich mir das nächste Ziel gesetzt: Ich wollte einen Halbmarathon laufen.“ Der Plan sieht vor, im April 2020 an einem Halbmarathon in Hannover teilzunehmen. Daraus wird bekanntlich nichts. Die Corona-Pandemie hat Deutschland und die gesamte Welt längst in eine Krise gestürzt. „Da stand man erstmal da und wusste nicht, wie einem geschieht und wie man weitermachen soll“, erklärt Töteberg. Seine Motivation ist jedoch ungebrochen und so läuft er die Strecke alleine für sich – und lernt in dieser Zeit die riesige Laufcommunity in den sozialen Medien schätzen.

„Ich habe mir irgendwann gesagt, dass ich etwas brauche, was mich zum Laufen verpflichtet und mich dazu bringt, am Ball zu bleiben.“ Also funktioniert er seinen bis dato privaten Instagram-Account um und führt ein öffentliches Lauf-Tagebuch. Schnell kommen Abonnenten dazu, Töteberg wird auf „Insta“ zu „killhill.running“ - sein Nachname eignet hervorragend für die Übersetzung ins Englische. „Anfangs habe ich gedacht, dass ich einfach mal in die Community hineinschnuppere. Durch das Lauftagebuch habe ich mich selbst verpflichtet, habe mich aber auch immer mehr mit anderen Läufer*innen ausgetauscht, mir Tipps eingeholt, über meine Erfahrungen gesprochen“, so Töteberg, der, Stand 26. März 2021, mittlerweile 2.766 Abonnenten auf Instagram hat. Die meisten Menschen, die ihm folgen, kennt er nicht persönlich – es sind Athlet*innen aus ganz Deutschland. „Das ist ein großer Ansporn, sich noch weiter zu steigern.“


Töteberg präsentiert seine „Killhill"-Beanies.
Damit nicht genug: Mittlerweile gibt es sogar die Modemarke „Killhill“, natürlich gegründet von Fabian Töteberg. Was anfangs noch eine spaßige Idee war, ist mittlerweile zu einem kleinen Nebengeschäft geworden. „Der Gedanke war eigentlich, dass ich für mich selbst eine eigene kleine Laufkollektion erstelle. Gemeinsam mit meinem Bruder, der Webdesigner ist, habe ich ein Logo erstellt und dann ging's los“, sagt Töteberg. Als er die ersten Kleidungsstücke, „Beanies“ in verschiedenen Farben, stolz in einem Instagram-Post präsentiert, trudeln ungeahnte Kaufanfragen herein. Töteberg wundert sich anfangs über das Interesse, entscheidet sich dann aber dazu, ein Nebengewerbe anzumelden. „Es hat mich doch sehr überrascht, dass Leute plötzlich Interesse an so etwas hatten. Ich habe auch nicht vor, jetzt aufs Ganze zu gehen und mein eigenes Modelabel zu etablieren – das wäre doch etwas zu viel des Guten (lacht). Ich habe ja auch noch einen Vollzeitjob, sodass ich gar nicht genügend Zeit frei habe. Zumal damit ein riesiger Aufwand einher geht. Mit den Mützen ist es noch relativ einfach, die haben eine Einheitsgröße. Außerdem liegt der Fokus nicht auf der Marke, sondern ich will mich weiterhin steigern und einen Marathon laufen. Das ist mein aktueller Traum.“


„Berlin Calling" - im September will Töteberg den Berlin-Marathon angehen.
Dieser Traum sieht vor, den Berlin-Marathon, einen der größten Läufe weltweit, zu absolvieren. Die Zeit ist zweitrangig – es geht darum, ins Ziel zu kommen. Stichtag ist der 26. September. Noch geben sich die Veranstalter positiv gestimmt, dass das riesige Event mit rund 40.000 Teilnehmener*innen stattfinden kann. Töteberg erhöht bereits die Laufdistanzen, um sich heranzutasten. „Die richtige Vorbereitung beginnt aber noch. Meine längste Distanz liegt bisher bei 31 Kilometern. Den Trainingsplan stellte ich mir selbst zusammen, ich möchte mein eigenes Tempo gehen. Letztlich kommt es aber auch darauf an, dass am Wettkampftag alles stimmt. Ich denke nicht, dass es an der Kondition scheitern könnte, sondern an anderen Faktoren. Aktuell mache ich viele Stabilisationsübungen. Der Mensch ist nicht dafür ausgelegt, in der Woche 50 bis 60 Kilometer zu laufen und das bekommt man irgendwann zu spüren. Dem will ich vorbeugen, gerade im muskulären Bereich“, meint Töteberg, der, für den Fall, dass er den Marathon hinter sich bringt, schon das nächste Ziel ins Auge gefasst hat: „Beim nächsten Mal möchte ich unter professionellen Bedingungen trainieren, mit einem Trainings- und Ernährungsplan von einem Profi. Aber das ist Zukunftsmusik. Erst steht Berlin an.“ All das geht nur, wenn die Familie mitspielt - sie tut es. „Ganz besonders möchte ich mich da bei meiner Frau Sarah bedanken, dass sie mir die Zeit für dieses mittlerweile zeitintensive Hobby einräumt. Sie ist für mich eine wahre Powerfrau", schwärmt Töteberg.

Und als wäre dieser Weg vom „Laufmuffel“ zum Dauerläufer nicht schon beeindruckend genug, ist Töteberg mittlerweile Teil des Teams „Heartrunners“, das für den guten Zweck Distanzen absolviert. „Alles, was durch meinen Entschluss, mit dem Laufen anzufangen, passiert ist, tut mir gut. Ich bin viel ausgeglichener, fühle mich gesund. Nach einem Lauf ist der Tag ein ganz anderer, der Arbeitsstress oder andere Dinge, die einen in schlechte Laune versetzen, wirken plötzlich viel kleiner. Das ist schwierig in Worte zu fassen. Ich kann jedem nur ans Herz legen, es zu auszuprobieren. Gerade in der aktuellen Zeit, in der vielen Menschen die Corona-Decke auf den Kopf fällt, tut es unglaublich gut, einfach mal loszulaufen – im eigenen Ermessen, ohne Druck. Ich kann mir ein Leben ohne den Laufsport eigentlich nicht mehr vorstellen. Dass es mal so weit kommt, hätte ich nie im Leben gedacht (lacht).“ Und das von einem ehemaligen lauffaulen Kreisklassenkicker. Wenn das nicht motiviert, ein wenig an der Fitness zu arbeiten, fällt uns auch nichts mehr ein...

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