16.12.2019 16:29

Boxen


Boxgala: Viele Showeinlagen, wenig Spannung - bis der „EM-Krimi" folgt!

Kuriose Szenen: Der groß angekündigte Hauptkampf fällt aus / Abgesehen von wenigen Highlights Kämpfe ohne Spannung
Boxgala Boxen Hameln Granit Stein Europameister WBU AWesA
Granit Stein (re.) siegte nach Punkten im Kampf des Abends – und holte die WBU-Europameisterschaft. Box-Legende Sven Ottke überreichte Stein anschließend den Titel.
Beim Betreten sah sie eindrucksvoll aus, die Hamelner Rattenfängerhalle. Professionell aufgebaute Lichtanlagen sorgten für ein stimmungsvolles Ambiente, der Boxring ragte als Mittelpunkt des Geschehens eindrucksvoll heraus. Es war alles für eine spektakuläre 5. Hamelner Boxgala angerichtet. Eine „Nacht, die kracht“. Auf den VIP-Tischen erstrahlten kleine Feuerwerke, DSDS-Finalist Mike Leon Grosch stimmte mit „Celebration“ von Kool & The Gang gekonnt auf eine actiongeladene Show ein. Später versteigerte er gar seinen Stern, den er beim „Supertalent“ erhalten hatte. 1.000 Euro gab's für den guten Zweck. Sogar ein Auto fand einen Gewinner. Der Bad Münderaner Rapper Martin Rietsch versteigerte ein Hannover 96-Paket für benachteiligte Menschen und legte einen eindrucksvollen Auftritt hin, als er beim Einzug des Profi-Debütanten und Ex-Münderaners David Kerkmann rappte. Selbst Box-Legende Sven „The Phantom“ Ottke saß unter den Zuschauern, um sich das Spektakel von nächster Nähe anzuschauen. Sein Stallgefährte und Ex-Europameister Timo Hoffmann agierte darüber hinaus als Schiedsrichter. Das Drumherum überzeugte auf ganzer Linie, die Organisatoren scheuten offenbar keine Mühen für einen Abend voller „Glanz und Gloria“ – wenn da nicht noch etwas gewesen wäre, für das die knapp 1.000 Zuschauer eigentlich gekommen waren: die Boxkämpfe. Denn diese waren größtenteils einseitig.

Die meisten Kämpfe ohne Spannung

Die Zuschauer sahen Kämpfe, bei denen die Leistungsunterschiede häufig zu groß waren. Und das lag wahrlich nicht an den Boxerinnen und Boxern. Viel mehr waren es die Zusammenstellungen der Kämpfe, die einen sportlichen Wettkampf auf Augenhöhe deutlich erschwerten. Immer wieder war zu sehen: ein extrem starker Boxer – oder eine extrem starke Boxerin – trifft auf einen augenscheinlich unterlegenden Gegner. Meist waren die einseitigen Kämpfe in der ersten oder zweiten Runde vorbei. Torsten Knille, Mitorganisator der Veranstaltung, sagt: „Wenn wir die Kämpfe buchen, wissen wir oft nicht, was wir bekommen. Wir schauen uns natürlich intensiv den Boxrekord der Kandidaten an und wollen Kämpfe auf Augenhöhe sehen. Die Leistungsunterschiede ergeben sich aber ziemlich schnell. Wenn ein sehr guter Boxer auf einen passablen Boxer trifft, wird der Kampf schnell einseitig. Das war insbesondere bei den ersten Kämpfen zu sehen. Kämpfe, die wirklich spannend sind und über eine lange Distanz gehen, benötigen zwei Boxer, deren Leistungsdichte sehr hoch ist. Und das ist im Vorfeld kaum bis gar nicht bewertbar.“

Kerkmann gewinnt bei Profi-Debüt

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David Kerkmann (li.) siegte bei seinem Profi-Debüt.
Zu den besseren Kämpfen gehörte das Profi-Debüt des aus Hameln-Pyrmont stammenden David Kerkmann. Er stand dem Essener Dogan Kurnaz gegenüber. Nach der dritten Runde warf das Team Kurnaz das Handtuch. Kurnaz hatte zuvor immer wieder mit kleinen Showeinlagen für den einen oder anderen Lacher gesorgt, Kerkmann bestrafte dies mit harten Körpertreffern – auf Anraten des Ringarztes war Schluss. Einen taktisch geprägten Kampf  lieferten sich die Schwergewichtler Igor Pylypenko (Ukraine) und Maksim Kuznetsov (Weissenfels) über die volle Distanz von sechs Runden. Knille: „Keiner der beiden wollte einen Fehler begehen. Gerade im Schwergewicht können Fehler mit einem sofortigen KO bestraft werden. Die beiden haben technisch und taktisch hochwertig geboxt, für den Zuschauer sieht eine Runde aber wie die andere aus.“ Kuznetsov siegte nach Punkten.

Das Highlight: der EM-Kampf zwischen Stein & Gonzalez

Kampf elf sollte schließlich alle mitreißen. Und eines sei vorweg genommen: Es war nicht der groß beworbene Hauptkampf. Doch dazu später mehr. Granit Stein (Ingolstadt) und Wilmer Gonzalez (Nicaragua) standen sich gegenüber. Der Lohn für den Sieger: der „European Light Heavyweight Title“ des Coppenbrügger Boxverbands WBU (World Boxing Union). In den 90er Jahren und nach der Jahrtausendwende gehörte die WBU zu den vier großen Boxverbänden, ehe 2009 das Ende folgte. 2010 wurde die WBU von Torsten Knille neu gegründet, ist aber getrennt vom namensgleichen Vorgänger zu betrachten. Beide Kontrahenten boten sich einen spannenden Schlagabtausch, der über die volle Distanz von zehn Runden ging. Stein zeigte ganz viel Größe, als er Ende der ersten Runde von seinem Gegner mit dem Ellenbogen zu Boden geschlagen wurde. Statt liegen zu bleiben und die Europameisterschaft durch Disqualifikation des Gegners zu gewinnen, stand er wieder auf und dominierte den Kampf in allen Belangen. Gonzalez bewies indes immer wieder Nehmerqualitäten, als Stein ihn meist mit schmerzhaften Kombinationen bearbeitete – und selbst setzte er ebenfalls immer wieder offensive Akzente. So entwickelte sich ein bis zum Ende spannender Schlagabtausch. Letztlich lautete der verdiente Sieger nach Punkten: Granit Stein. Den Gürtel erhielt er von keinem Geringeren als Box-Legende Ottke. Anschließend schickte Besar Nimani, ehemaliger IBF-Europameister im Super-Weltergewicht und stolzer Besitzer einer 25:1-Bilanz, noch problemlos seinen überforderten Gegenüber auf die Bretter.

Kuriose Szenen vor plötzlichem Ende – der Hauptkampf fällt aus

Gueney Artak Boxen Boxgala Hameln AWesA
Güney Artak traf zwar im Ring auf seinen angedachten Gegner Daniel „Danny“ Williams – einen Kampf gab es jedoch nicht.
Dann folgte der Hauptkampf – oder anders gesagt: er sollte folgen. Der unbesiegte „Schlachter“ aus Hannover, Güney Artak, marschierte unter Rammsteins „Feuer frei“ in den Ring. Sein Gegner: Mike Tyson-Bezwinger Daniel „Danny“ Williams. Der Lohn für den Sieger: die Internationale Deutsche Meisterschaft der GBA. Es folgte ein Clip von Williams' K.O.-Sieg über Tyson und dann marschierte der „Brixton Bomber“ in den Ring. Was verwunderte: Der Engländer trug Straßenkleidung. Anschließend spielten sich kuriose Szenen ab. Ringsprecher Michael Rohrdrommel verkündete, dass Williams den Kampf aufgrund eingetretener Kopfschmerzen nicht bestreiten wolle und darüber hinaus Angst vor Artak habe. Nach einem längeren Geplänkel – Artak echauffierte sich über die vermeintliche Feigheit seines Gegners und Rohrdrommel fragte  seinen Co-Ansager Roman von Alvensleben nach der rechtlichen Lage – fand die Veranstaltung unter vereinzelten Buhrufen ein plötzliches Ende.

Warum der Rückzieher?

Eine kurze Recherche gibt einen möglichen Hinweis: Williams habe seit Jahren mit sich verdichtenden Symptomen der Boxerkrankheit („Boxerdemenz“) zu kämpfen. Bereits 2016 wurde Williams vom BDB aus gesundheitlichen Gründen für einen Kampf gesperrt. Auf der anderen Seite kämpfte Williams danach weiter, schlug unter anderem am 23. Februar 2019 Boban Filipovic durch TKO. Der Serbe hatte vorher eine Bilanz von 24:0 – Williams brachte ihm das Gefühl der Niederlage bei. Knille liefert einen Erklärungsansatz: „Williams hat in den letzten Jahren starke Gegner besiegt und sich daher für diesen Kampf qualifiziert. Ich denke, dass Güney ihn beim Wiegen sehr eingeschüchtert hat. Man kann sich noch so viel mit Videos auf den Gegner vorbereiten. Erst beim persönlichen Aufeinandertreffen bekommt man einen echten Eindruck vom Gegner. Und Güney beherrscht das Spiel mit der Körpersprache in Perfektion. Er schaut dir solange in die Augen, bis zu heulst. Williams hatte Angst, gegen Güney zu boxen. Boxen ist ein Sport, der insbesondere im Kopf stattfindet. Hast du Angst vor deinem Gegner, hast du automatisch verloren.“ Was wirklich in Williams' Kopf vorging, weiß allerdings nur er selbst.

Die Ergebnisse im Überblick

  • 6 Runden Super Lightweight: Ahmad Shtiwi (Israel) siegt durch TKO gegen Sabri Ulas Goecmen (Köln) nach Runde 2
  • 4 Runden Super Featherweight: Naomi Manns (Frankfurt) siegt durch TKO gegen Carly Marie Mackenzie (UK) nach Runde 2
  • 4 Runden Welterweight: Gianluca Dragotta (Bielefeld) siegt durch TKO gegen Khalid Shenwary (Essen) in Runde 1
  • 4 Runden Cruiserweight: Mohammadali Bayat Farid (Dubai) siegt durch KO gegen Goran Kesic (München) in Runde 1
  • 4 Runden WBU Female SemiPro Internationale Deutsche Meisterschaft Super Featherweight: Eva Hubmayer (Köln) siegt nach Punkten gegen Sara Smith (UK)
  • 4 Runden Middleweight: David Kerkmann (Gütersloh) siegt durch TKO gegen Dogan Kurnaz (Essen) nach Runde 3
  • 4 Runden Cruisergewicht: Adam Usumov (Weissenfels) siegt durch TKO gegen Mykyta Nesterenko (Ukraine) nach Runde 3
  • 6 Runden Heavyweight: Maksim Kuznetsov (Weissenfels) siegt nach Punkten gegen Igor Pylypenko (Ukraine)
  • 4 Runden WBU SemiPro Internationale Deutsche Meisterschaft Cruiserweight: Ercan Koluman (Alfeld) siegt durch KO gegen Milos Corak (Bosnien) in Runde 1
  • 4 Runden Super Featherweight Frauen: Cheyenne Hanson (München) siegt durch KO gegen Kristina Jeftenic (Bosnien) in Runde 1
  • 10 Runden WBU European Title Light Heavyweight: Granit Stein (Ingolstadt) siegt nach Punkten gegen Wilmer Gonzalez (Nicaragua)
  • 6 Runden Middleweight: Besar Nimani (Bielefeld) siegt durch KO gegen Adnan Zilic (Bosien) in Runde 2
  • 10 Runden Internationale Deutsche Meisterschaft Heavyweight: Danny Williams (UK) tritt nicht gegen Güney Artak (Hannover) an

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Autor des Artikels

Jannik Schröder
Jannik Schröder
Jannik stieg nach seinem Praktikum vor einigen Jahren neben dem Studium als Freier Mitarbeiter bei AWesA ins Boot – und ist nach seinem Master-Abschluss in Germanistik und Geschichte seit Oktober 2015 Chefredakteur.
Telefon: 0176 - 6217 6014
schroeder@awesa.de

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