Im vergangenen Jahr sorgte der Hamelner Schüler Louis Herrmann für Aufsehen, als er mit gerade einmal 17 Jahren – inoffiziell und völlig auf sich allein gestellt – die 100 Kilometer-Marke erfolgreich marschierte. Schon damals stand für den Schüler des Albert-Einstein-Gymnasiums (AEG) fest: Das war erst der Anfang. Sein nächstes Ziel war die Königsdisziplin des Ultralaufens: die magischen 100 Meilen. Beim Berliner Mauerweglauf ließ Herrmann seinen Worten Taten folgen. Der mittlerweile 18-Jährige bewältigte die gigantische Strecke von 166 Kilometern rund um das ehemalige West-Berlin in genau 26 Stunden. Wo normale Menschen schon nach einer mehrstündigen Autofahrt erschöpft aussteigen, ging der Hamelner zu Fuß an die Grenzen der menschlichen Belastbarkeit.
Unter den rund 600 Einzelläufern und 1.500 Staffelteilnehmern gehörte Herrmann in seiner Altersklasse zu den absoluten Ausnahmen. Für das Mammutprojekt benötigte er einen maßgeschneiderten Trainingsplan, suchte sich diesen jedoch nicht bei einem klassischen Trainer, sondern auf digitalem Weg: „Mein persönlicher Trainingsberater war ChatGPT, wenn ich ganz ehrlich bin (lacht).“ Über das LLM-Modell ließ sich der Gymnasiast detaillierte Wochenpläne erstellen, um seinen Körper optimal auf die extremen Anforderungen vorzubereiten.
In der intensivsten Phase schraubte er sein Pensum auf bis zu 140 Kilometer pro Woche hoch. Herrmann verlor dabei fast sieben Kilogramm Körpergewicht und richtete seinen gesamten Alltag starr nach der Uhr und dem Trainingsplan aus. Jeder Aspekt, von der Fußpflege über Dehneinheiten bis hin zur optimalen Nährstoffzufuhr, war durchdacht. Wichtigstes wissenschaftliches Ziel war es, den sogenannten katabolen Zustand so lange wie möglich hinauszuzögern. „Katabol bedeutet quasi, dass der Körper in einem so hohen Energiedefizit ist, dass er Muskelzellen nutzt, um daraus Energie zu gewinnen“, erklärt Hermann.
Am Wettkampftag begann die Prozedur bereits vor dem Morgengrauen. Herrmann vertraute auf seine bewährte Routine: Vier Scheiben Toast – drei mit Honig, eine mit Marmelade – bildeten die energetische Grundlage. Um 5.30 Uhr erfolgte der Check-in, ehe um Punkt 6.00 Uhr der Startschuss fiel. Herrmann arbeitete sich diszipliniert von Verpflegungsstation zu Verpflegungsstation vor, trank in der Stunde etwa einen Liter Flüssigkeit und füllte seine Kohlenhydratspeicher kontinuierlich mit Salzstangen, Waffeln, Melone und Trockenkeksen auf.
Doch der Nachmittag hielt eine extreme Belastungsprobe bereit: Die Temperaturen kletterten auf drückende 37 Grad. „Was für mich der größte Punkt vorher war, war die Angst vor der Hitze“, gesteht der Ausdauersportler. Die kochende Asphalt-Hitze brachte seinen Puls schnell in Bereiche über 140 Schläge pro Minute. Um dem drohenden Hitzeschlag zu entgehen, wurden sein Vater und sein Opa zu mobilen Rettern: Sie fuhren Supermärkte und „Spätis“ (Berliner Kioske) in der Umgebung ab, um Eiswürfel aufzutreiben, die Herrmann in sein Nacken-Bandana füllte. Bei Kilometer 60 folgte schließlich der kulinarische Wendepunkt: Auf Anraten eines Mitläufers versuchte er es mit warmen Nudeln in Brühe. „Ich habe richtig gemerkt, wie das mich so gepusht hat. Das hat mir richtig gutgetan“, erinnert sich Herrmann.
Halluzinationen in der Berliner Nacht
Nach der großen Hauptverpflegungsstation bei Kilometer 102, wo Herrmann frische Socken anzog und sich neu einbalsamierte, brach gegen 21 Uhr die Dunkelheit über den Mauerweg herein. Ausgerüstet mit Stirnlampe und Wärmeweste lief er hinein in die Einsamkeit der Berliner Nacht. Auf den düsteren Abschnitten fehlte plötzlich die Orientierung durch vorauslaufende Athleten. Einzig kleine, orangefarbene Neonpfeile auf dem Boden wiesen den Weg.
Die Kombination aus monatelanger Belastung, Schlaflosigkeit und tiefer Erschöpfung forderte in den frühen Morgenstunden ihren Tribut. Herrmann kämpfte mit der wahrgenommenen Realität. Halluzinationen in den frühen Morgenstunden sind in Berlin keine Seltenheit, meist aber der Partykultur geschuldet. Nicht so bei Herrmann, der an die menschlichen Belastungsgrenzen stieß: „Du siehst die ganze Zeit nur kleine orangefarbene Pfeile auf dem Boden. Irgendwann hast du überall Pfeile gesehen, links, rechts, oben, unten.“ Mentale Stütze in dieser dunklen Phase war sein bester Freund Max, der ihn ab Mitternacht streckenweise auf dem Fahrrad begleitete, sowie seine Familie, die sich per Videocall aus dem heimischen Haddessen zuschaltete, um dem 18-Jährigen Mut zuzusprechen.

Ein letztes Mal die Muskeln spielen lassen. Foto: privat.
Schwarz zu grau
Gegen 4.00 Uhr morgens schlug zu allem Überfluss das Wetter um. Statt dem erhofften „Schwarz zu blau“ zog ein heftiges Unwetter auf. Starkregen, Böen und ein Temperatursturz auf 17 Grad verwandelten Herrmanns ohnehin schon aufgescheuerte, von dicken Blasen übersäte Füße in eine schmerzhafte Qual. „Ab 4.30 Uhr hat der richtige Mist begonnen. Das war von da an nicht mehr schön, man hat sich einfach nur noch gequält“, schildert Herrmann seine größte Krise während des Rennens.
Doch Ansätze zum Aufgeben gab es nicht. Zehn Kilometer vor dem Ziel mobilisierte der Gymnasiast seine allerletzten Kraftreserven: „Ich bin dann einfach losgelaufen.“ Herrmann wollte die Qualen nicht durch langsames Gehen um zwei weitere Stunden verlängern, sondern dem Ziel mit aller Macht entgegensprinten.
Das Ziel und der Blick nach vorn
Um genau 8.10 Uhr morgens überquerte Herrmann schließlich überglücklich die Ziellinie. Der Triumph forderte jedoch unmittelbar seinen Tribut: Nach der Dusche sackte sein Kreislauf schlagartig zusammen, als er die Beine hochlegte. Sanitäter mussten den schwer angeschlagenen Läufer im medizinischen Zelt mit Elektrolyten und Salzen aufpäppeln, weshalb er sogar die offizielle Siegerehrung verpasste.
Trotz der extremen Strapazen schwärmt der Hamelner mit Blick auf eine unglaubliche Leistung: „Das ist eine unfassbar nette Community da. Da hat jeder jedem geholfen.“ Nach der monumentalen Belastung hängt Herrmann die Laufschuhe vorerst an den Nagel. Der Fokus liegt nun vollkommen auf den bevorstehenden Abiturklausuren am Albert-Einstein-Gymnasium. Welcher sportliche Grenzgang als Nächstes folgt, bleibt vorerst offen. Eine zentrale Erkenntnis nimmt er jedoch für sein gesamtes Leben mit: „Man kann viel mehr schaffen, wenn man einfach nur daran glaubt.“
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