Was für ein Wochenende für den deutschen Radball-Sport! Bei der Weltmeisterschaft verteidigten sowohl die Frauen- als auch die Männer-Teams ihre Titel und sicherten dem deutschen Verband damit das „Double“. Nicht nur das: Die WM fand in Göppingen statt – damit feierten die Deutschen ihre großartigen Erfolge auch noch vor heimischer Kulisse. Der Mann, der hinter diesem doppelten Erfolg steht und dessen Lebenswerk damit einen weiteren goldenen Höhepunkt erlebt, ist Bundestrainer Jörg Latzel.
Für den gebürtigen Hamelner war der jüngste Triumph nicht nur eine sportliche Krönung, sondern markiert auch einen besonderen persönlichen Meilenstein: Es ist Latzels achter Weltmeistertitel, wenn man seine Karriere als aktiver Radballer miteinbezieht. Doch von Normalität ist längst keine Spur. Jeder WM-Titel ist für Latzel ein ganz besonderer: „Ich freue mich immer extrem für die Spielerinnen und Spieler, weil sie so viel leisten und trainieren. Ich nehme mich selbst da ein bisschen zurück, die Spieler gehören ins Rampenlicht. Gerade bei einer Heim-WM ist der Druck nochmal größer. Wenn man vor 4.000 Menschen einläuft, hat man zwei Gedanken: 'Oh Gott, wie geil!' und 'Oh Gott, nicht verlieren.' Wenn der große Wurf dann gelingt, zählt nur die Freunde in diesem Moment. Da denkt man nicht an die Vergangenheit oder andere Titel.“

Von links: Raphael Kopp, Jörg Latzel, Bernd Mlady. Foto: privat.
Jörg Latzel gehört zu jener seltenen Spezies von Sportlern, denen es gelingt, auf höchstem Niveau sowohl als Aktiver als auch als Trainer Titel zu sammeln. Als Spieler krönte er sich 1998 gemeinsam mit Karsten Hormann zum Radball-Weltmeister. Eine Ära, die ihn bereits damals zur Legende in seinem Sport machte. Als Bundestrainer führt Latzel diese Erfolgsgeschichte eindrucksvoll fort. Seit er das Amt übernommen hat, prägt er die deutsche Radball-Szene maßgeblich. Besonders bemerkenswert ist, dass ihm mit der Doppel-Titelverteidigung bei den Frauen und Männern ein historisches Kunststück gelang. Und: In dieser Dominanz haben es nur wenige Teams zum WM-Gold geschafft. Latzel sagt: „Das war schon eine Machtdemonstration.“
Danielle Holzer und Judith Wolf besiegten die Schweiz im Finale mit 6:1 und Bernd Mlady sowie Raphael Kopp schickten ihren ewigen Rivalen, die Österreicher, mit 5:1 zurück nach Hause. „Beide Mannschaften haben jedes Spiel gewonnen und die meisten wirklich deutlich“, berichtet Latzel.
„Wir sind ein unfassbar tolles Team. Dazu gehören unser Co-Trainer Lars Wegmann, unser Arzt Dr. Frank Pensel, Physio Luisa Bassmann und unsere Ersatzteams, die beim Training und Aufwärmen helfen“, erklärt Latzel, der ganz bescheiden beinahe peinlich berührt ist, wenn er gesteht: „Bei den Männern war Österreich lange Zeit das Maß der Dinge. Seit meinem Amtsantritt haben wir das geändert. Die Spielerinnen und Spieler leisten natürlich den Großteil, aber als Trainer kann man diese fünf bis zehn Prozent noch mitgeben – und die machen am Ende vielleicht den Unterschied.“

Von links: Danielle Holzer, Jörg Latzel und Judith Wolf. Foto: privat.
Tatsächlich: 2021 trat Latzel sein Amt als Bundestrainer an und prompt wurden Gerhard und Bernd Mlady unter seiner Obhut Weltmeister. Zwar unterbrachen die Österreicher Latzels Titelregen 2022, doch gehört der WM-Titel seit 2023 fest in deutsche Hände (2023: Raphael Kopp/André Kopp, 2024/2025: Raphael Kopp/Bernd Mlady). Bei den Frauen ist die Dominanz noch eklatanter: Erst seit dem Jahr 2023 werden im Frauen-Radball Weltmeisterschaften ausgetragen. Seitdem gibt es nur einen Weltmeister: Deutschland (2023: Nadice Weber/Claire Feyler, 2024/2025: Judith Wolf/Danielle Holzer). Darauf ist Latzel besonders stolz: „Gerade bei den Mädels haben wir unglaublich guten Nachwuchs. Ich behaupte, dass es schwieriger war, sich unter der starken Konkurrenz für die WM zu qualifizieren, als am Ende Weltmeister zu werden – einfach weil die Leistungsdichte bei den Radball-Frauen in Deutschland so hoch ist.“
Jörg Latzel wechselte in diesem Jahr offiziell in einen neuen Lebensabschnitt. Der Vollblut-Sportler, der über Jahrzehnte hinweg Generationen von Schülern an der Handelslehranstalt (HLA) Hameln als Vollblut-Lehrer prägte, ist in den wohlverdienten Ruhestand gegangen. Als Oberstudienrat unterrichtete er dort die Fächer Englisch und Sport. Während die Schulzeit für den beliebten Lehrer und Kollegen nun vorbei ist, bleibt er dem Leistungssport erhalten – zumindest bis nach der WM 2027. „England 2026 und Frankreich 2027 möchte ich als Bundestrainer noch mitnehmen. Dann ist endgültig Schluss“, kündigt der siebenfache Weltmeister-Trainer an, ehe er das Zepter einer neuen Trainergeneration übergibt – sicherlich in bestem Zustand.
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