07.11.2025 14:15

Sportmix


Jenseits des Marathons: Ein 17-Jähriger und sein großer Lauf

„Man kann viel, viel mehr erreichen, wenn man einfach daran glaubt"
Louis Herrmann Ultramarathon
Louis Herrmann mit erhobener Faust. Foto: Privat.

von Timor Folge

Komasaufen, das andere Geschlecht und die eine oder andere Rauferei - all das ist Louis Herrmann nicht. Die Klischees über das Leben eines „normalen" 17-Jährigen haben sich in den letzten Jahrzehnten kaum verändert: unpolitisch, gleichgültig, faul. Doch beweist der noch nicht einmal volljährige AEG-Schüler, dass all das nicht zutrifft. Er hat etwas geschafft, an dem selbst Sportler scheitern, die seit Jahrzehnten trainieren: einen Ultramarathon. Louis Herrmann kommt aus Hameln und ist „einfach so" 100 Kilometer gelaufen. Als er von einem Bekannten von dem Megamarsch durch das Weserbergland erfuhr, stand sein nächstes Ziel fest. Weil er mit seinen 17 Jahren jedoch noch zu jung für die Teilnahme war, traf er eine klare Entscheidung: Dann eben alleine - und inoffiziell.

Neben dem Krafttraining im Fitnessstudio suchte der Hobby-Extremsportler einen Ausgleich. Manch einer guckt 'ne Serie oder zockt an der Playstation. Herrmann macht Carido - nur in extrem. Nach nur drei Läufen absolvierte er im Oktober vergangenen Jahres seinen ersten eigenständigen Marathon, lief zwischendurch mehrere Halbmarathons und absolvierte schließlich im April dieses Jahres in Hannover seinen ersten offiziellen Marathon. Auch beim Hermannslauf, der vom Detmolder Hermannsdenkmal bis nach Bielefeld führt, stand er an der Startlinie. Nach seinen ersten Erfolgen suchte der Grenzgänger nach neuen Herausforderungen. Die üblichen Distanzen reichten ihm nicht mehr aus.
Die Vorbereitung auf den Lauf

Um den Ultramarathon - so nennt sich ein 100km-Ungetüm - erfolgreich zu absolvieren, setzte sich der AEG-Schüler ein Zeitfenster von zwei Monaten. In dieser Zeit legte er mehr als 150 Kilometer zurück. Sein Vorbild: David Goggins, ehemaliger Navy-SEAL, Motivational Speaker und Buchautor. „Ich habe sein Buch ‘Can’t Hurt Me‘ innerhalb von vier Tagen komplett durchgelesen“, erzählt Louis. Es war Motivation und Inspiration pur - er fühlte sich selbst unverletzbar.

Auch körperlich lief die Vorbereitung auf Hochtouren. Schlaf, Dehnen und sogar die Füße wurden täglich gepflegt. Jeder Aspekt war durchdacht. Auch die Ernährung war durchgeplant: „Ich habe am Sonntag schon gewusst, was ich am Dienstag essen werde“, erklärt er.

Ein 17-Jähriger mit einem klaren Ziel, purer Disziplin und unbrechbarer Entschlossenheit. Alles war darauf ausgerichtet, den Traum vom 100 Kilometer-Lauf Wirklichkeit werden zu lassen.

Der Tag des Ultramarathons.
Am Mittwoch, 22. Oktober, war es dann so weit. Tag der Abrechnung. Der Abiturient startete um 2.30 Uhr in den Tag. Bananen, Reiswaffeln und Datteln standen auf dem Plan. Leicht verdauliche Snacks mit viel Energie. Um genau 3.57 Uhr fiel der Startschuss für seinen Ultramarathon. Im Vorfeld legte sich Louis eine 12 Kilometer-Strecke zurecht. Vom Bailey Park über das Sana-Klinikum bis hin zum Weserbergland Stadion und wieder zurück. Sieben Kilometer wurden gelaufen, fünf Kilometer gegangen. So nahm der Ultramarathon seinen Lauf. Mit voller Konzentration und ohne Musik. „Ich wollte mich zunächst voll auf das Laufen konzentrieren”, sagt der Teenager

Innerhalb von acht Stunden legte der Ultramarathonläufer die ersten 50 Kilometer zurück. Dabei war nicht nur der Körper gefragt, sondern auch der Kopf. „Man muss sich auf etwas freuen können”, erklärt Louis. Nach der Hälfte des Ultramarathons wurde die Vorfreude befriedigt: Für die letzten 50 Kilometer durften die Kopfhörer ans Ohr. Zunächst sorgte ein Podcast mit einem Athleten, der über 300 Kilometer durch Texas lief, für Motivation. Danach klang immer wieder motivierende Musik - Antrieb und Ablenkung. Mit jedem Kilometer wuchs das Gefühl, etwas Besonderes zu schaffen.

Neben der mentalen Fokussierung hatte der Nachwuchssportler auch jede Verpflegung genauestens durchgeplant: „Um 11 Uhr gab es eine halbe Banane, ein halbes Toast und eine Dattel”, erzählt der Ausdauersportler. Wichtig: viel Energie und wenig Aufwand für Verdauung. Die detaillierte Planung sorgte für Sicherheit und half Schritt für Schritt, das Ziel zu erreichen. Auch Gels, Creme für die Beine und Nahrungsergänzungsmittel kamen zur Hilfe. Mit steigender Anzahl der absolvierten Kilometer entwickelte sich ein euphorisches Gefühl. „Es war unfassbar zu wissen, dass man schon so weit gekommen war. Das war ein richtig gutes Gefühl”, so der 17-Jährige.

Während des Ultramarathons gab es auch immer wieder kleine Höhepunkte: Sein bester Freund Max begleitete ihn zur Unterstützung, Telefonate mit Freunden und das Wissen, dass seine Familie am Ziel auf ihn wartete. „Nach ein paar Kilometern denkst du, du bist der geilste Typ der Welt, aber nur drei Kilometer später kann das wieder ganz anders aussehen”, sagt Louis. Ein Wechselbad der Gefühle, das es auszuhalten gilt.

Doch der Lauf wurde nicht einfacher. Die Beine weiß von Creme, der Körper schweißnass und unangenehme Blasen an den aufgescheuerten Füßen zehrten sehr an Louis. Nach circa 80 Kilometern dachte seine Mutter daran, den Lauf abzubrechen. Doch der Läufer gab nicht auf: „Ich quäle mich doch nicht zwölf bis 13 Stunden, um dann aufzuhören”, erinnert sich der Hamelner. Die letzten 20 Kilometer waren besonders hart. „Du bist so nah dran, aber es ist noch so weit entfernt. Immer dieselbe Runde durch Hameln, Runde um Runde“, erzählt er. Die Mischung aus körperlicher Erschöpfung und emotionalen Höhen und Tiefen machte den Lauf zu einer echten Achterbahnfahrt. Die letzten 10 Kilometer wurde er dann von seinem Opa begleitet: „Ich konnte irgendwann einfach nicht mehr, aber mein Opa hat mir seelischen Beistand geleistet."

Das Ende

Um 20.09 Uhr war es geschafft: der ambitionierte Teenager erreichte nach über 16 Stunden die 100 Kilometer. Louis erzählt: „Ich hatte mich gefreut, es geschafft zu haben und von meiner Familie empfangen zu werden. Das war ein mega gutes Gefühl, aber richtig realisiert habe ich es erst später.” Die körperlichen Folgen spürte er noch am selben Abend. Selbst das Essen bei seiner Oma wurde zur Herausforderung: „Ich hatte Hunger, aber konnte einfach nichts essen, weil mein Körper zu kaputt war”, erklärt er. Auch die folgende Nacht brachte kaum Erholung: „Ich konnte in der Nacht nur ungefähr zwei Stunden schlafen. Meine Beine taten so weh, dass sowohl Ruhe als auch Bewegung nichts brachten."

Zukunftspläne

Nach dem Ultramarathon gönnt sich der nun erfolgreiche Ultramarathon Absolvent erst einmal eine Pause. „Gerade muss erstmal die Schule wegen der ganzen Klausuren Vorrang haben“, erklärt er. Er möchte erst einmal wieder mehr Fokus auf das Krafttraining legen. Neue Laufschuhe stehen auf der To-do-Liste, denn die alten haben nach über 700 Kilometern ausgedient. Doch die Zukunftspläne sind bereits klar: Mit besserer Vorbereitung, längeren Trainingsphasen und optimierter Fußpflege will der Hamelner im nächsten Jahr noch weiter gehen. „Von den 100 Kilometern möchte ich auf 100 Meilen kommen. Das ist dann der nächste Schritt im Ultra-Laufen“, sagt er voller Vorfreude.

Für Louis ist der Ultramarathon nicht nur ein sportlicher Erfolg, sondern auch eine Lektion über mentale Stärke und Selbstvertrauen. „Jeder hat ein gewisses Potenzial, von dem er denkt, dass es sein Maximum sei. Aber man kann viel, viel mehr erreichen, wenn man einfach daran glaubt“, reflektiert er. Der Lauf hat ihm gezeigt: Auch über die 42 Kilometer eines Marathons hinaus gibt es Grenzen, die man überwinden kann und das Gefühl, die eigenen Möglichkeiten zu sprengen, ist unbeschreiblich.
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