28.06.2020 09:11

Spiel meines Lebens - Teil 3


Showdown für die Geschichte: WTW & Marahrens vs. MTV Lauenstein!

Wallensen marschiert erstmals in der Vereinsgeschichte in die Bezirksklasse / Marahrens macht A-Lizenz
Von Oliver Steffan

Am Samstag, 09. Juni 1979, findet auf neutralem Platz, dem „Saale-Stadion“ zu Salzhemmendorf, das Entscheidungsspiel um Platz drei zwischen dem WTW Wallensen und dem MTV Lauenstein statt. Axel Marahrens und seine Wallensener wollen den Aufstieg durch das „Hintertürchen“ perfekt machen...

WTW Wallensen 1978
WTW Wallensen 1978 - der Kader bleibt zu großen Teilen in der Folgesaison zusammen. Hintere Reihe v.l.: Trainer Jürgen Sikora, Georg Papenfuß, Karl-Heinz Sürig, Günther Wehder, Dietmar Knopp, Lothar Nickel, „Foxi“ Roloff, Uwe Kirsch, Axel „Hajo" Marahrens, Wolfram Weßling. Vordere Reihe v.l.: Otto Thiele, Gunter Stapel, Walter Constabel, Hansi Kirsch, Eckhard Schütte, Jörg Steins, Masseur Otto Müller. Aus dem privaten Archiv von Marahrens.
„Wir gingen als krasser Außenseiter in das wichtige Spiel gegen den MTV, denn eine gute Handvoll wichtigster Akteure waren bei uns nicht an Bord oder angeschlagen: Günther Wehder war verletzt, Hansi Kirsch verreist, Otto Thiele hatte Dienst bei der Bundeswehr, Gunter Stapel befand sich in Tunesien auf Hochzeitsreise, Friedhelm Roloff spielte nur noch in der Zweiten, weil er mit Trainer Sikora nicht auf einer Wellenlänge funkte – legendär sein Satz: 'Das ist mir hier alles viel zu professionell' – und Herbert Roloff und ich waren angeschlagen und längst noch nicht für 90 Minuten zu gebrauchen. Ich bin noch zu Friedhelm gefahren, habe versucht ihn zu überreden, uns auszuhelfen in diesem wichtigen Spiel, doch er blieb stur. Jürgen Sikora holte dann den erfahrenen Horst Engmann aus der Alten Herren und den jungen Jürgen Wintel hinzu. Eines war jedoch entscheidend: Der Trainer hat uns taktisch erstklassig auf dieses Match vorbereitet, eine grandiose Aufstellung gefunden und uns in der Besprechung so heiß gemacht, wie es das Spiel verdient hat. Uns war bewusst, dass uns mit Gunter Stapel der Dreh- und Angelpunkt unseres Spiels und ein Schütze wichtiger Tore fehlte. Jeder Akteur war aber entsprechend vorbereitet, was er auf seiner Position zu erledigen hatte und somit imstande, in seinem Bereich optimale Leistungen zu bringen“, erzählt Marahrens.

Die Lauensteiner starten vor über 400 Zuschauern in Salzhemmendorf offensiver als die Wallensener. Michael Roloff im WTW-Kasten entschärft einige MTV-Schüsse aus der zweiten Reihe, allerdings gestaltet sich der erste Durchgang ausgeglichen.

„In der Halbzeit hat uns Jürgen Sikora dann noch einmal eingebläut, wie wichtig eine disziplinierte Spielweise wäre, wir geduldig auf unsere Möglichkeiten, die da noch kommen würden, warten sollten. Unser Boss Fritz Köhne, der nicht so ganz viele Worte macht, hat uns dann die entscheidenden Sätze mit auf den Weg gegeben: 'Die Lauensteiner haben mit 'Maxe' Heuer einen Torwart drin, der extra seinen Urlaub unterbricht, um heute hier dabei zu sein. Sorgt dafür, dass er Wallensen nie vergessen wird…' und dann sind die Jungs raus“, erinnert sich Marahrens noch bestens an eine unvergessliche Halbzeitpause.

Lothar Nickel, der wuselige und durchsetzungsstarke Außenstürmer, bringt den WTW bereits drei Minuten nach dem Wiederanpfiff mit einem Distanzschuss in Führung. Lauenstein antwortet wütend, erhöht das Tempo und schafft in der 59. Minute durch einen abgefälschten Schuss von Joachim Kruppki den 1:1-Ausgleich. Jetzt drückt der MTV und sucht die Entscheidung.

„Als der Trainer dann Udo Mattern eingewechselt hat, wäre ich fast durchgedreht. Ich hatte mich von der ersten Minute an warmgelaufen, um sofort helfen zu können, wenn ich eingewechselt werden sollte. Nach meiner Verletzung war ich beileibe noch nicht fit, für eine halbe Stunde hätte es aber dicke gereicht. Ein paar Minuten später bin ich zum Trainer gegangen und habe ihm gesagt: Trainer, ich bin dann soweit! Er reagierte nicht und dann bin ich, als der Ball kurze Zeit später ins Seitenaus ging, zu Jürgen Wintel, der bei den sommerlichen Temperaturen schon ordentlich am Pumpen war, hin und habe ihm mit dem Auswechselzeichen kurz gesagt: Jürgen, wir wechseln jetzt!“

Axel „Günther Netzer“ Marahrens ist gerade auf dem Feld, da gewinnt Jörg Steins einen Zweikampf im Mittelfeld, steckt durch auf den in den Raum startenden Marahrens, der den Ball auf Constabel weiterleitet. Frei vor Torhüter Werner Heuer scheitert der kraftvolle Angreifer an dem glänzend reagierenden Polizisten im Lauensteiner Tor.

„An die darauffolgende Szene kann ich mich noch 40 Jahre danach genau erinnern“, schildert Axel: „Torhüter Heuer warf den Ball auf den jungen Peter Ulbrich ab, der trieb den Ball nach vorn und wieder angelte sich unser 'Sechser' Jörg Steins das Leder, passte erneut zu mir. Ich ging seitlich an Klaus Schumacher vorbei und wieder rief Walter Constabel und forderte den Ball. Doch nach der Aktion zuvor habe ich kurzentschlossen entschieden, selbst zu schießen. Flach unter Werner Heuer schlug der Ball ins linke untere Eck ein, das war die Führung für uns.“ Und die Entscheidung in der 69. Minute, denn in den verbleibenden gut 20 Minuten beißen die Lauensteiner auf Granit, lassen Politze, Kirsch und Strehlow in der WTW-Deckung nichts mehr zu.

Axel „Kuddel“ Strehlow, ein solider, aber nicht unbedingt überragender Abwehrspieler, macht an dem Tag das beste Spiel seiner Laufbahn, meldet den gefährlichen MTV-Stürmer Peter Fröschke völlig ab. Schiedsrichter Wundersee hat mit der erfreulich fairen Partie keine Probleme.

„Überhaupt waren die Derbys gegen die Lauensteiner immer wirklich sehr freundschaftliche Begegnungen. Wir schätzten uns und auch nach dem so wichtigen Entscheidungsspiel saßen wir noch beisammen, tranken zusammen ein paar Biere und haben über einzelne Szenen gesprochen. Spiele zwischen dem WTW und Salzhemmendorf, und auch das Duell der Lauensteiner gegen Salzhemmendorf, waren hingegen immer nicklig. Die Rivalität war so groß, dass es da häufiger gerummst hat und ein gemeinsames Bier nach dem Spiel gab es eher nicht. Anschließend sind wir noch aufs Schützenfest nach Thüste, das passte sich ganz gut. Wir haben richtig gefeiert und haben dann auch das Zelt abgeschlossen. 'Kalle' Sürig, der arme Hund, konnte leider nicht mit dabei sein, da er noch am Abend zum Bundeswehrdienst musste“, hat Axel noch heute Mitleid mit dem treffsicheren Stürmer, der die tolle Feier verpasst.

Axel „Hanjo“ Marahrens in der Bezirksklasse mit dem WTW gegen Barsinghausen am Ball
Axel „Hanjo“ Marahrens in der Bezirksklasse mit dem WTW gegen Barsinghausen am Ball. Aus dem privaten Archiv von Marahrens,
Die wichtigen gemeinsamen Stunden nach dem Erfolg über den MTV schweißt die WTW-Truppe in dieser Phase noch mehr zusammen und das bekommt die Mannschaft des TV Deutsche Eiche Hotteln, der Dritte der Hildesheimer Kreisklasse, im Aufstiegsspiel am 20. Juni 1979 zu spüren. Getragen und beflügelt von der starken Vorstellung gegen den MTV, gewinnt die Sikora-Elf vor 500 Zuschauern mit 3:2 (2:1) gegen die Mannen aus der Gemeinde Sarstedt und schafft so den viel umjubelten Aufstieg. Trainer Sikora muss neben Stapel erneut auch Kirsch und Thiele ersetzen, sorgt aber dafür, dass der gut spielende Soldat Mattern aus Flensburg eingeflogen wird. Der überragende „Kalle“ Sürig schießt die Rot-Weißen nach 15 Minuten in Front. Weichert gleicht für Hotteln nach 23 Minuten aus, doch wiederum Sürig sorgt für die erneute Führung. Jürgen Wintel bringt den WTW per Elfmeter in der 59. Minute mit 3:1 nach vorn. Doch auch das 2:3 durch Kehrmann kann den großartig kämpfenden WTW nicht mehr ernsthaft nervös machen und die Ostkreisler stoppen. 3:2-Sieg und Aufstieg in den Bezirk  – der größte Triumph in der Vereinsgeschichte!

„Gegen Hotteln spielte Lothar Nickel eine überragende erste Halbzeit, war nicht zu fassen. Nach dem Wechsel drehte Kalle Sürig groß auf. Wir spielten wie im Rausch und als die Hottelner in den letzten Minuten richtig Alarm machten, zeigte unser Libero Christian Politze seine ganze Klasse, stand super und rettete unseren knappen Vorsprung über die Zeit“, hat Mittelfeldspieler Marahrens den Aufstiegskrimi noch vor Augen.

Nach dem Jahr in der Bezirksklasse mit dem WTW wechselt Marahrens aufgrund des zuvor erheblichen Zeitaufwandes durch die Pendelei von Göttingen nach Wallensen 1980 zu Sparta Göttingen in die Bezirksliga. Ein Angebot vom Landesligisten SVG Göttingen bleibt ungenutzt, weil der Uni-Städter nach einem schweren Autounfall erhebliche Verletzungen erleidet, drei Monate außer Gefecht gesetzt ist, zudem ein Semester drangeben muss.

In Barsinghausen erwirbt der Sport-Student bei Trainer-Ausbilder-Legende Horst Stockhausen, der für Arminia Bielefeld Anfang der 70er Jahre in der Bundesliga am Ball ist, und Wulf-Rüdiger Müller, 1981 zuerst die B- und dann die A-Lizenz: „In der Prüfung zur A-Lizenz, die ich mit meinem alten Freund Kurt Becker abgelegt habe, war Holger Osieck der Prüfer. Osieck, der mit Deutschland als Co-Trainer von Franz Beckenbauer 1990 Weltmeister wurde, trat auf wie ein Feldherr. Einen Handwerksmeister mit 30 Angestellten hat er zu Beginn der Prüfung angepflaumt: 'Sie können nicht mal 'ne Jugendmannschaft trainieren. Gehen Sie in die Kabine, ziehen Sie sich um und fahren Sie ganz schnell nach Hause, das hat keinen Sinn!' Wir haben echt gezittert und waren froh, als uns nach bestandener Prüfung die Lizenzen ausgehändigt wurden. “

Übermorgen lest Ihr: Über Afferde zum TuS Hessisch Oldendorf – Marahrens macht Trainer-Karriere...

Entscheidungsspiel um den dritten Platz, 09. Juni 1979


WTW Wallensen – MTV Lauenstein 2:1 (0:0).
WTW Wallensen: Michael Roloff - Christian Politze - Uwe Kirsch - Axel Strehlow -  Matthias Götzen - Horst Engmann (60. Min. Udo Mattern) - Jörg Steins - Jürgen Wintel (67. Min. Axel Marahrens) - Karl-Heinz Sürig - Walter Constabel - Lothar Nickel.
Tore: 1:0 Lothar Nickel (48. Min.), 1:1 Joachim Kruppki (59. Min.), 2:1 Axel Marahrens (69. Min.).


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