22.05.2020 07:58

Spiel meines Lebens - Teil 2


Riesen-Sensation - TuS Hessisch Oldendorf schlägt Borussia Dortmund unter Otto Rehhagel!

TuS Hessisch Oldendorfs Weg nach oben unter Manager Arno Karnau / Rudi Debus bringt mit 20 Meter-Traumtor die Entscheidung
Von Oliver Steffan

Zu Beginn des Jahres 1975 macht der TuS seinen treuen Anhängern aus Nah und Fern eine besondere Freude. Mit der Eintracht aus Braunschweig kommt der fünf Klassen höher spielende Bundesligist und Meister von 1967 ins nun mit den Flutlichtmasten hell erleuchtete Waldstadion. 4.000 Zuschauer sehen den Test der niedersächsischen Spitzenmannschaft, die bis auf die nicht eingesetzten Ludwig Bründl sowie Nationalspieler Bernd Franke im Tor mit voller Besetzung antritt, gegen den damaligen Bezirksligisten Hessisch Oldendorf. Durch einen Konschal-Treffer setzen sich die Blau-Gelben knapp mit 1:0 durch. TuS-Mittelstürmer Bartels hat mit einem Latternkracher in der 65. Minute noch Pech, sonst wäre die Blamage für den Erstligisten perfekt gewesen. Eintracht-Trainer Branko Zebec würdigt die Leistung der Gastgeber nach dem Spiel: „So stark hatte ich mir den TuS Hessisch Oldendorf nie und nimmer vorgestellt!“

Überschrift: TuS Hess. Oldendorf peilt Spitzenplatz in der Verbandsliga an
Überschrift: TuS Hess. Oldendorf peilt Spitzenplatz in der Verbandsliga an. Zeitung unbekannt. Aus dem privaten Archiv von Karnau.
Zur Saison 1975/76, nunmehr in der Verbandsliga, kann Trainer Rödenbeck wieder auf neue Akteure bauen: Torhüter Manfred Neuschulz kommt vom HSC Hameln, Achim Zimmer vom SV Linden 07, „Fliege“ Müller vom FC Stadthagen und Ulli Wellmann aus dem eigenen Nachwuchs. Für TuS-Verhältnisse gibt es einen vergleichsweise kargen Zugangsverkehr.

Trotz einer ordentlichen Vorbereitung und erstklassigen Gegnern, u.a. macht der im Europapokal auftrumpfende belgische Spitzenclub vom KV Mechelen (1:4) Station in Oldendorf, geben die Amatuer-Oberligisten OSV Hannover (2:2) und die SpVgg Bad Pyrmont (der TuS gewinnt 4:1) ihre Visitenkarte ab, misslingt der Start in die neue Saison. Nach 3:5 Punkten aus den ersten vier Begegnungen starten die Oldendorfer die Aufholjagd auf den Spitzenreiter FC Wunstorf. Nach dem Ende der Hinserie steht der TuS auf Rang drei, hat jedoch fünf Punkte Rückstand auf die ungeschlagenen Teams vom FC Wunstorf und VfV Hildesheim. Zwar gelingt Schwaneberg und Co. noch ein 1:0-Erfolg gegen den späteren Meister und sich in den Aufstiegsspielen durchsetzenden FC Wunstorf, trotz alledem reicht es in der Endabrechnung für den Aufsteiger „nur“ zur Vize-Meisterschaft, drei Punkte hinter dem Meister. Mittelstürmer Bartels landet mit 25 Treffern auf Rang zwei der Torschützenliste, hinter Wunstorfs Wolfgang Ricke, der 26 Mal erfolgreich ist.

Zum 50-jährigen Vereinsjubiläum erfolgt der Aufstieg in die vierte Liga ...
Zum 50-jährigen Vereinsjubiläum erfolgt der Aufstieg in die vierte Liga, Vereinschef Siegfried Gottwald ist zufrieden. Aus dem privaten Archiv von Karnau.
„Von allen Spielern, die in den 70ern beim TuS gespielt haben, hatte 'Manni' Bartels sicherlich die höchsten Sympathiewerte. Stürmer stehen bei den Fans in der Regel eh hoch im Kurs, nur war unser Mittelstürmer auch ganz wichtig für die Erfolge und darüber hinaus sehr ruhig und zurückhaltend, ein ganz feiner Kerl! In den 80ern galt das natürlich vor allem für 'Gento' Loges. Seine spektakulären Flügelläufe und seine unorthodoxe Spielweise forderten die Zuschauer zu diesen langen 'Gentoooo'-Rufen heraus und auch 'Gento' war unheimlich beliebt. Als Oldendorfer Urgestein, der nur für den TuS kickte und hier eine Legende ist, würde ich 'Auge' Buchholz als dritten Spieler in die Kategorie der von den Fans am meisten verehrten Spieler setzen“, fällt Karnau das Ranking der „TuS-Helden“ durchaus schwer.

Im Sommer 1976 resümiert Hans-Jürgen Kroggel in der DeWeZet: „Keine Frage: 12 Kilometer nordwestlich von Hameln ist mit der Gottwald-Truppe neben den Amateur-Oberligisten Preußen Hameln 07 und der SpVgg Bad Pyrmont eine dritte 'Fußball-Kraft' im Weserbergland entstanden.“ Diese neue „Fußball-Kraft“ schickt sich in den kommenden Jahren an, die etablierten Traditionsvereine hinter sich zu lassen…

Zur Saison 1976/77 darf Manager Arno Karnau dann wieder richtig aus dem Vollen schöpfen. Wunstorfs Top-Torjäger und Meister-Stürmer Wolfgang Ricke, der ehemalige Wolfsburger Zweitliga-Profi Dietmar Schönbeck und Wolfgang Schophaus vom FC Stadthagen, Rückkehrer Rudi Liebsch vom Bünder SV, Trainersohn Klaus Rödenbeck vom SV Obernkirchen und Günther Buchholz, aus der A-Jugend kommend, verstärken das Oldendorfer Star-Ensemble.

Der TuS startet wie die Feuerwehr, schickt den VfB Northeim mit einer 5:0-Packung heim, gewinnt gegen den Neuling vom TSV Havelse mit 3:1, siegt bei der SpVgg Einbeck mit 2:0, bei den Sportfreunden Ricklingen mit 2:1 und empfängt am fünften Spieltag im Lokalderby den lange Zeit übermächtigen FC Stadthagen. Vor 1.400 Zuschauern verprügeln die Oldendorfer die vormalige Nummer eins mit 9:0 und untermauern so ihre Vormachtstellung im Schaumburger Fußball. Am 13. Spieltag setzt es mit dem 1:3 beim „Angstgegner“ SV Linden 07 die erste Niederlage. Doch durch einen 1:0-Erfolg über den FC Grone erringt der TuS mit 24:6 Punkten mit einem Vorsprung von einem Punkt auf den zweiten Northeimer Verbandsligisten, SuS Northeim, die Herbstmeisterschaft.

1976: Die Hessisch Oldendorfer geben alles gegen den BVB.
1976: Die Hessisch Oldendorfer geben alles gegen den BVB. Aus dem privaten Archiv von Karnau.
Am Sonntag, 21. November 1976, empfangen die Oldendorfer den Bundesligisten Borussia Dortmund zu einem Freundschaftsspiel im heimischen Waldstadion. „Wenn ich eine Partie als 'Spiel meines Lebens' heraussuchen soll, was definitiv sehr schwierig ist, dann die Begegnung gegen Borussia Dortmund. Zum einen bin ich als bekennender Dortmund-Fan natürlich sehr froh und auch stolz gewesen, den Revier-Club als Gegner verpflichten zu können, zum anderen war das, was die Mannschaft an dem Tag geleistet hat, mit 'außergewöhnlich' oder 'sensationell' glattweg untertrieben. Damit interessierte Zuschauer dem Spiel beiwohnen konnten, sind in der Kreisklasse Schaumburg an jenem Sonntag alle Begegnungen verlegt worden – das muss man sich einmal vorstellen“, ist Arno Karnau noch heute ganz aus dem Häuschen, wenn es um die Begleiterscheinungen rund um das Spiel des Fünft- gegen den Erstligisten geht.

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Der BVB kommt nach Oldendorf… Aus dem privaten Archiv von Karnau.
Die von Otto Rehhagel trainierten Dortmunder unterliegen einen Tag zuvor am 14. Bundesliga-Spieltag bei Eintracht Braunschweig mit 1:3 und treten auf der Rückfahrt gen Westen zwar nicht in kompletter Bestbesetzung im Weserbergland an, schicken allerdings auch beileibe keine “B-Elf“ ins Rennen. Nur Erwin Kostedde und Willi „Ente“ Lippens stehen nicht auf dem Feld gegen den TuS.

„Nach ausgeglichener erster Halbzeit und nach Ablegen des Respekts drängten unsere Jungs die Dortmunder immer mehr in die Defensive und wir hatten durch Bartels, der an Endrulats Kasten vorbeischob, und kurze Zeit später Brachvogels Lattenknaller zwei erstklassige Chancen. Torhüter Rudi Liebsch konnte sich dann gegen Wagner und Schild auszeichnen und warf sich Burgsmüller vor die Füße. Als niemand mehr mit einem Tor rechnete, hat Rudi Debus kurz vor Schluss gut 20 Meter vor dem Tor den Ball kurz angenommen und aus der Drehung zentimetergenau in den rechten Torwinkel gedroschen“, kann sich Arno Karnau weit über 40 Jahre nach dem Oldendorfer Triumph noch an eines der schönsten Tore für den TuS in all den Jahren zurückerinnern.

BVB Unterschriften 2
...und fährt mit einer 0:1-Niederlage heim... Aus dem privaten Archiv von Karnau.
Die „Schaumburger Zeitung“ titelt am 22. November 1976 dann auch treffend: „Fußball-Zwerg legt den 'Riesen' aufs Kreuz“. Während TuS-Trainer Helmut Rödenbeck natürlich überglücklich über die Vorstellung seines Teams ist, macht Borussen-Coach Otto Rehhagel einen leicht zerknirschten Eindruck. Dem 'eisernen Otto', sonst um deftige Sprüche nicht verlegen, hatte es offenbar die Sprache verschlagen: 'Für mich ist wichtig, dass wir uns hier keine Verletzungen einhandeln. Alles andere hat nur eine untergeordnete Bedeutung', gab sich Rehhagel erstaunlich wortkarg und versuchte, das Ergebnis herunterzuspielen. Die Vermutung, dass dieses nur eine Schutzbehauptung des als ehrgeizig bekannten Rehhagel ist, liegt zumindest nahe, lässt sich aber natürlich nicht beweisen…“

Arno Karnau 1978
Arno Karnau im Jahr 1978. Aus dem privaten Archiv von Karnau.
Die Rückrunde beginnt dann allerdings alles andere als nach Plan für den TuS. Die Baxmannstädter kommen nicht in Schwung und nach einem 0:1 beim TSV Havelse trennen sich die Weser-Anrainer von Coach Rödenbeck. Willi Bradt, der alte Fahrensmann, übernimmt bis zum Sommer als Interims-Trainer das Ruder. Es wird wieder gepunktet, die Oldendorfer stehen an 22 von 30 Spieltagen an der Tabellenspitze, doch nach einem 2:3 im Nachholspiel daheim gegen den Niedersachsen-Pokalsieger von 1976, den VfV Hildesheim, und einem 1:2 bei der starken SpVgg Göttingen 07, werden die Bradt-Burschen noch abgefangen und belegen im End-Klassement den dritten Platz. Göttingen scheitert in den Aufstiegsspielen zur Landesliga; mit 23 Treffern wird „Manni“ Bartels erneut zweitbester Torschütze der Liga.

Im Pokal fegen die Grün-Weißen über den TuS Lüdersfeld (4:1), den SC Deckbergen (4:0), den SC Marklohe (3:2 n.V.), Arminia Hannover (Am.) (6:2) und den Landesliga-Zweiten, die Amateure von Hannover 96 (2:1), vom Platz, bevor es 30. April 1977 im Bezirkspokal-Finale zum ewigen Duell mit dem SV Linden 07 kommt.

Niedersachsen-Pokalsieger 1977 - Kapitän Schwanberg nimmt den Pokal entgegen.
Niedersachsen-Pokalsieger 1977 - Kapitän Schwanberg nimmt den Pokal entgegen. Aus dem privaten Archiv von Karnau.
Durch einen 1:0-Sieg gegen die Hannoveraner qualifiziert sich der TuS für den Niedersachsen-Pokal. Die, damals acht, Bezirks-Pokalsieger ermitteln den Sieger. Gegen den Gewinner des Bezirks Hildesheim, den SV Alfeld, gelingt im Viertelfinale erneut ein 1:0-Sieg, der Sieger des Bezirks Braunschweig, die FG Winsen/Luhe, wird im Halbfinale mit einem 3:2 vor über 800 Zuschauern im Waldstadion aus dem Wettbewerb geworfen. Im Finale des NFV-Pokals, am 18. Juni 1977, das wiederum im Waldstadion ausgetragen wird, kommt es zum Duell mit dem TSV Verden, dem Sieger des Bezirks Stade. Zur Halbzeit liegt der TuS durch einen Treffer von Wilfried Feldhaus mit 0:1 zurück, schlägt allerdings in Halbzeit zwei zurück: Bartels trifft zum Ausgleich, Voigt besorgt die Führung und wiederum Bartels erzielt mit dem Treffer zum 3:1 den Endstand. Der TuS setzt mit dem Gewinn des Niedersachsen-Pokals ein weiteres Glanzlicht in der Vereinsgeschichte und qualifiziert sich für die erste DFB-Pokal-Runde.

Sonntag lest Ihr: 3. Liga in Hessisch Oldendorf - doch das Interesse sinkt...

Freundschaftsspiel: TuS Hessisch Oldendorf – Borussia Dortmund

Datum: 21.11.1976

TuS Hessisch Oldendorf – Borussia Dortmund 1:0 (0:0).
TuS Hessisch Oldendorf: Manfred Neuschulz (46. Rudi Liebsch) - Georg Reinhold - Hans-Jürgen Schwanberg - Dietmar Schönbeck - Wolfgang Schophaus (46. Wolfgang Voigt) - Günther König - Fritz Brinkel - Dieter Brachvogel (86. Dieter Preiß) - Wolfgang Ricke (46. Rudi Debus) - Manfred Bartels - Rolf Neumann
Borussia Dortmund: Horst Bertram (46. Peter Endrulat ) - Lothar Huber - Hans-Joachim Wagner - Herbert Meyer (46. Wolfgang Vöge) - Klaus Ackermann - Egwin Wolf - Burkhard Segler (46. Manfred Burgsmüller) - Mirko Votava - Hans-Werner Hartl - Hans-Gerd Schild - Peter Geyer
Schiedsrichter: Ludwig Fischer (Hannover)
Zuschauer: 3.600
Tore: 1:0 Rudi Debus (85. Minute)

Zu Teil 1:

TuS Hessisch Oldendorf 1971 1972
 
20.05.2020

Aus der 2. KK in die 3. Liga – TuS HO-Manager Karnau

Arno Karnau ist der große Mann des Gottwald-Klubs TuS Hessisch Oldendorf / Der kometenhafte Aufstieg

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