16.11.2016 10:12

med & train


„PECH-Regel“: Erste Hilfe bei Sportverletzungen

Schweins und Plaul klären auf / Pause, Eis, Kompression, Hochlagern: Was macht in welchen Situationen Sinn?

Die Physiotherapeuten Andreas Plaul (li.) und Kolja Schweins.
Von Kolja Schweins und Andreas Plaul

Die Zuschauer haben immer wieder die gleichen Bilder vor Augen: Ein „verletzter“ Sportler und ein „Betreuer“ (Sporttherapeuten, Mediziner, Trainer), der mit bestimmten Maßnahmen wie Eis, Eisspray, Schwämmen direkt auf oder neben dem Spielfeld agiert. Kurze Zeit später, welch ein Wunder, kann der Sportler seinen Wettkampf weiter ausführen. Wenn nicht, sieht man den Sportler mit einer Kompression mit „Eisbeutel/Kältepack“ auf der Ersatzbank sitzen. Dabei ist eines besonders wichtig: Der „Betreuer“ muss schnell durch seine jahrelange Erfahrung eine Einschätzung des Problems des Sportlers geben und danach handeln. Eine Diagnose kann nur der Mannschaftsarzt geben, wenn er am Unfallort ist. Meist ist im Breitensport kein Arzt direkt verfügbar. Somit wird ein Arzt bei größeren Verletzungen dazu gerufen. Der Betreuer muss also genau schauen, ob er „Hand anlegen“ kann und überhaupt darf, um positiv auf den Sportler und dessen Verletzung einzuwirken. Ziel muss es immer sein, die Schädigung nicht noch zu vergrößern oder zu verschlimmern. In diesem Fall muss immer die Prämisse zum Schutz des Sportlers gelten: „Lieber einmal zu wenig als zu viel“!

Die „PECH-Regel“ hat in fast jeder Sportart als Sofortmaßnahme bei Verletzungen Einzug gehalten. Über die Grenzen des Sports hinaus hat diese Regel es in den Alltag als „erste Hilfe“-Sofortmaßnahme geschafft. International wird die „PECH-Regel“ auch als „(R)ICE-Regel“ bezeichnet: R=Rest, I=Ice, C=Compression, E= Elevation.

Heute werden Ersthelfer, Therapeuten, Trainer und Betreuer in ihren unterschiedlichen Aus- und Weiterbildungen in Form der „PECH-Regel“ geschult. In den weiteren Zeilen möchten wir Euch die „PECH-Regel“ zuerst vorstellen und einige kritische Anmerkungen geben. 

Die Annahme: Damit der/die Sportler/-in  nach einer Prellung, Zerrung, einem Muskelfaserriss oder sonstiger Verletzung schnellstmöglich wieder trainieren kann, ist es wichtig, in den ersten Minuten nach dem Unfall richtig zu reagieren. Dafür ist die „PECH-Regel“ seit langem die erste Wahl.

Was ist die „PECH-Regel“?


In dieser Vorgehensweise lassen sich die wichtigsten Sofortmaßnahmen perfekt zusammenfassen:

PECH: P=Pause, E=Eis, C=C(K)ompression, H=Hochlagern.


1. Pause
Jetzt den Wettkampf weiterführen und auf die Zähne beißen, scheint eine denkbar schlechte Entscheidung. Die/Der Aktive muss das betroffene Körperteil ruhig stellen, bis ein Arzt eine Diagnose stellt und weitere Anweisungen gibt.

2. Eis
Wenn die verletzte Stelle möglichst schnell gekühlt wird, können der weitere Heilungsverlauf und die später nötigen Behandlungen günstig beeinflussen werden. Mit Eisspray, einem Eisbeutel in ein Tuch eingewickelt oder kaltem Wasser (z.B. mit einem Schwamm) wird die betroffene Stelle behandelt. Das mildert Schmerzen, reduziert ein mögliches Anschwellen und ein Einbluten ins Gewebe. Durch die Kühlung wird der Stoffwechsel der betroffenen Stelle verlangsamt und eine weitere Schädigung des Gewebes verhindert.

3. Kompression
Mit einem leicht spannenden Druckverband kann man das Anschwellen der verletzten Stelle etwas mindern.

4. Hochlagern
Durch das Hochlagern des betroffenen Körperteils, über Herzhöhe, wird die Blutzufuhr verringert und Flüssigkeit, welche in das umliegende Gewebe ausgetreten ist, kann leichter wieder abtransportiert werden. Damit können die Schmerzen und die Schwellung etwas gemildert werden.

Diese Aussagen zur „PECH-Regel“ finden wir immer wieder in der Literatur.

Wie ist die Ausführung?


Was haben die Sofortmaßnahmen für Auswirkungen für den Körper?

Bevor wir uns als erstes diese Frage stellen, müssen wir klären, welches Ziel die Person verfolgt, die die Erstversorgung macht. Als Betreuer ist es das oberste Ziel, den Spieler weiter spielfähig zu halten. Damit ist gerade im bezahlten Sport nicht immer gemeint, dass die Gesundheit des Sportlers im Vordergrund steht. Es gibt Situationen, in denen die kurzfristige Ausführung des Wettkampfes Priorität hat, wodurch manche Sofortmaßnahmen begründet werden könnten.

Um unseren Körper sinnvoll und gesundheitsbewusst zu unterstützen, müssen wir uns die Mechanismen einer Wundheilung vor Augen führen, da wir nur dann Sinn oder Unsinn von spezifischen Maßnahmen bewerten können.

Die Wundheilung ist ein immer wiederkehrender körpereigener Prozess mit der Zielsetzung den Körper zu reparieren und optimalerweise noch gestärkt aus der Verletzungssituation hervorgehen zu lassen. Dafür benötigt der Körper viele unterschiedliche Prozesse, die wir wiederum in drei verschiedenen Phasen zusammenfassen und überdies unterschiedliche Zeitintervalle beinhalten. Diese Phasen gehen fließend ineinander über, daher die überlappenden Zeitangaben:

Phasen der Wundheilung
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Entzündungsphase (Dauer: 1-6 Tage)
Proliferationsphase (Dauer: 2-20 Tage)
Remodulierungs- und Maturationsphase (Dauer: bis 300/500 Tagen)


Für unsere Sofortmaßnahmen ist dabei nur die erste, die Entzündungsphase, von besonderer Bedeutung. In dieser Phase sind besondere Funktionen des Körpers zu beobachten, die bei jedem Menschen einer gleichen aufeinander aufbauenden Reihenfolge unterliegen:
  1. Produktion und Freisetzung von chemischen Mediatoren
  2. Hemostase und Koagulation
  3. Produktion und Freisetzung von neurogenen Mediatoren
  4. Ädhäsion von Granulozyten am vaskulären Endothel und Migration durch die Endothel-Basalmembran in das Gewebe (Margination, Emigration und Chemotaxis)
  5. Veränderte vaskuläre Permeabilität, wodurch die Passage von Plasma- und Gewebekomponenten in das Wundgebiet stärker wird
  6. Granulozyten setzen biologisch aktive Substanzen frei und phagozytieren eindringende Organismen oder Zellreste
  7. Migration von Monozyten, Umbildung zu Makrophagen und Stoppen von weiterem Monozyten-Einfluss
  8. Entfernung von Flüssigkeit, bakteriellen und zellulären Trümmern, Proteinen, Neurophilen und Makrophagen

In einfachen Worten zusammengefasst kann man diese Prozesse in folgende Aufgaben aufteilen:
  • Ersterkennung einer Schädigung
  • Stoppen einer weiteren Vergrößerung der Verletzung (ggf. Blutung stillen)
  • Untersuchung des Unfallortes
  • Erkennung des Gesamtausmaßes der Schädigung
  • Großzügiges/-räumiges Entfernen von Gewebe im Schädigungsort
  • Erste adäquate Schritte des Aufbaus einleiten

Für diese Phase sind körperliche Besonderheiten örtlich am Schädigungsort zu erkennen:

Die fünf Entzündungszeichen:
  1. Rötung = lat. rubor
  2. Überwärmung = lat. calor
  3. Schwellung = lat. tumor
  4. Schmerz = lat. dolor
  5. eingeschränkte Funktion = lat. functio laesa


Werden mit den Maßnahmen der „PECH-Regel“ diese Körperfunktionen unterstützt?


Wie sollten die Maßnahmen dann durchgeführt werden?
Es gibt viel Platz für Spekulationen, da die Maßnahmen zum größten Teil nicht spezifischer beschreiben werden.
1) P=Pause:
Eine komplette Pause und warten bis der „Arzt“ kommt, ist nur unter der Prämisse ganz wichtig (!), wenn es auch nach mehreren Minuten keine Reduzierung des Schmerzes gibt, von außen eine Veränderung der Knochenstruktur, eine Instabilität im Gelenk etc. zu erkennen ist oder keine Belastung auf die betroffene Stelle von Verletzten möglich ist.

Ansonsten arbeiten wir mit der „schmerzadaptierten“ Pause, d.h. der Sportler soll sich in seinem schmerzfreien Bewegungsausmaß bewegen. Die Belastung ist dabei genauso reduziert wie die Geschwindigkeit der Bewegung. Eine Bandage oder Tape kann eine zusätzliche Stabilität und Sicherheit geben. Besonders für eine spätere Belastungssteigerung während der Rehabilitation wäre diese Hilfe der Stabilität auch besonders wichtig. Das „Abtrainieren“ der externen Stabilität ist ein besonders wichtiger Aspekt in der Rehabilitation.

Ein Bespiel:
Ein Sportler hat sich eine Zerrung der hinteren Oberschenkelmuskulatur zugezogen. Dadurch ist ein großer oder schneller Schritt oder auch laufen/joggen nicht  ohne Schmerzen durchzuführen. Dieser Spieler darf sich nun nicht wie sonst üblich auf die Ersatzbank setzten und ohne Bewegung bis Ende der Spielzeit dort verharren. Sein Problem und seine Schmerzen werden dadurch beim Aufstehen um ein vielfaches höher, als wenn er sich im schmerzfreien Bereich langsam um das Spielfeld herum bewegt.

Unser Fazit:
Pause heißt für uns also nicht komplett aufhören, sondern auf seinen Körper hören und sich „schmerzfrei“ bewegen. (Belastungsintensität heruntersetzten)


2) E=Eis (Kältetherapie)
Die erste Frage, die sich bei diesem Stichwort stellt, ist die Art der Anwendung: Welche Formen der Kältetherapie werden in der Sportbetreuung eingesetzt?

Hier stehen einige unterschiedliche  Möglichkeiten zur Auswahl:

Kältesprays:
a) Thermoschockverfahren mit CO2-(Gas Haut wird ca. 30Sek. auf 2–4°C Hauttemperatur gesenkt)
b) Eisspray (ca. -40 Grad C)

Wegen ihrer schnellen Wirkung setzt man Kältesprays direkt bei Sportverletzungen ein, um eine lokale und oberflächliche Linderung der Schmerzen zu erzielen. Eispackungen, Eiswickel und Eismanschetten: in Beuteln verpacktes und gekühltes Material wie Kühlgel, Moor, Lehm, Quark oder Eis (ca. 0-4 Grad C).

Eislollys: In Form eines Lollys gefrorenes Wasser. Der Eislolly wird über die Haut gestrichen, beispielsweise um Schmerzen oder Schwellungen zu lindern (0 Grad C).

Eiswasser/Kaltwasseranwendung (nach Kneipp): das Behandeln mit kaltem (Brunnentemperatur) Wasser (8-10 Grad C).

Immer noch sehen wir die Anwendung auf die blanke Haut, auch wenn bekannt ist, dass dadurch eine Schädigung des behandelten Hautareals möglich ist.

Durch die starke Kälte wird der Schmerz stark reduziert (Analgesie) und die Spannung in der Muskulatur reduziert (Detonisierung). Die angedachte positive Wirkung auf die Wundheilung und eine Schwellungsreduktion (Ödemreduktion) soll es, nach wissenschaftlichen Untersuchungen, jedoch nicht geben (Meeusen, Lievens, 1986). In der Literatur wird sogar seit zwei Jahrzehnten von weit erhöhter Schädigung des betroffen Areals bei der Applikation von Eis gesprochen, aufgrund der hemmenden Wirkung auf die Wundheilphase (van Wingerden, 1996).

Eine weitere Frage ist die zeitliche Anwendung der oben genannten Maßnahmen.
Wie lange sollte eine dieser Maßnahmen durchgeführt werden?
Auch darauf gibt unsere Suche in der Literatur keine einheitliche Aussage.

Unser Fazit:
Um einen Schmerz zu lindern und für die direkte Weiterführung des Sportes muss eine Behandlung nicht lange andauern. Mit dieser Zielsetzung wird speziell die Anwendung mit brunnenkaltem Wasser und/oder Crusheis am Spielfeldrand in unserem Maßnahmenspektrum bedingt eingesetzt.


3) C= (K) Kompression

Die Kompression der betroffenen Körperregion kann positive, aber auch negative Effekte mit sich bringen. Bei dieser Sofortmaßnahme muss als erstes die Frage nach der Problematik des Sportlers beantwortet werden. Bei einer leichten Verletzung wie einer Zerrung oder Muskelfaserriss plädieren einige Ärzte und Therapeuten auch schon auf eine Kompressionstherapie mit einer Bandage. Andere sprechen von der Anwendung erst bei einer massiven Verletzung wie einem Muskelbündel- oder einem Muskelabriss. Auch die Bandage als solche ist immer wieder Grund von Diskussionen. Nehme ich eine Bandage ohne Elastizität oder eine Bandage mit Elastizität? Nehme ich durch meinen massiven Zug die Elastizität aus der Bandage, oder lasse ich ein leichtes „Aufdehnen“  der Bandage bei zu hohem Gewebedruck zu?

Für die Wundheilung ist das Einfließen/Einbluten in das defekte Gebiet ein wichtiger Aspekt, um für den Körper das Ausmaß der Problematik zu erkennen und die körpereigenen Maßnahmen durchzuführen. Wenn dies nicht passiert, kann aufgrunddessen eine optimale Wundheilung gestört werden.

Unser Fazit:
Wir nutzen die elastischen Kompressionsbinden zur Reduzierung von massiven Schwellungen und der Vermeidung von großen Blutergüssen (Hämatome), um den Spieler möglichst schnell wieder in Bewegung zu bekommen. Mit der Kompression kann und soll sich der Sportler weiter „aktiv“ schmerzfrei bewegen. Nach spätestens 20 Minuten sollte die Kompression neu angelegt werden! Erstens um zu schauen, ob das Gewebe sich verändert hat und zweitens damit der Gewebsfluss aufrecht erhalten wird.

4) H= Hochlagern
Eine der vier Maßnahmen, die am wenigsten im Wettkampfort durchgeführt wird. Zum einen wird nicht auf die Ausführung „Herzhöhe“ richtig geachtet, zum anderen stellt sich auch die Frage, wie lange man diese Position einnehmen soll? Rein physiologisch wird die zusätzlich einfließende Flüssigkeit ins Gewebe zwar durch die Lagerung und die Schwerkraft zum Körperstamm fließen. Doch die Aufnahme in die abfließenden Gefäßsysteme (Venen- und Lymphgefäßsystem) wird nur über Aktivität vermehrt beeinflusst. Wenn der Verletzte wieder aufsteht, wird die Flüssigkeit im Gewebe durch die Schwerkraft wieder Richtung Boden fließen. Mit der Verwendung einer Kompression kann dagegen gearbeitet werden, aber die Flüssigkeit bleibt vorwiegend im Gewebe.

Unser Fazit:
Wir nutzten äußerst selten diese Form der Therapie, meist dann wenn eine Verletzung so stark ist, dass wir auf den Rettungswagen warten.

Resümee:


Der Betreuer muss mit Hilfe des Sportlers eine direkte Entscheidung treffen, wie es weitergeht:
Sport weiterführen,
Sport aufhören und sich schmerzfrei bewegen,
Sport aufhören, pausieren ohne Notarzt,
Sport aufhören und den Notarzt holen.

Bitte beachtet: Nicht alle oben beschriebene Maßnahmen sind heilungsfördernd, können dem Sportler aber kurzfristig helfen, seinen Sport bis Ende des Wettkampfes durchzuführen! Bei jeder Anwendung sollte deshalb die Zielsetzung der Sofortmaßnahme überdacht und die besonderen Gefahren nicht übersehen und unterschätzt werden.
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Autor des Artikels

Team AWesA
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