Ehemalige U19-Nationalspielerin für Kroatien, Stationen in Irland und Hannover, ein konkretes Angebot des Frauenfußball-Giganten VfL Wolfsburg – und heute Tormaschine beim TSV Nettelrede. Der sportliche Lebenslauf von Nikolina Kolceg ist für die hiesige Kreisliga außergewöhnlich. Nachdem die 21-Jährige erst kürzlich mit einem Neun-Tore-Auftritt für Aufsehen gesorgt hat, haben wir uns mit Nikolina Kolceg unterhalten. Im Interview spricht sie über ihre sportlichen Wurzeln in einer Profi-Familie, Gänsehaut-Momente im Nationaltrikot, schwierige Zukunftsentscheidungen und warum Nettelrede für sie aktuell genau das richtige Gesamtpaket bietet.
Du bist im kroatischen Zadar aufgewachsen. Wie haben deine ersten Schritte am Ball ausgesehen und welche Vereine haben dich in deiner Jugend geprägt?
„Ich bin eigentlich schon von klein auf mit Sport aufgewachsen. Meine Mutter hat professionell Volleyball gespielt und mein Vater professionell Fußball. Dadurch habe ich sehr viel Zeit in Sporthallen und auf Fußballplätzen verbracht und Sport war für mich schon immer ein großer Teil meines Lebens. Mit ungefähr acht Jahren habe ich dann selbst angefangen, Fußball zu spielen. Nach der Schule habe ich oft mit den Jungs aus meiner Nachbarschaft auf der Straße gespielt – unser Tor war damals einfach der Zaun des Nachbarn (lacht). Danach ging es für mich zum NK Vuteks Sloga in Vukovar, wo ich zunächst mit Jungs gespielt habe, bevor ich beim NK Zadar meine nächsten Schritte im Fußball gemacht habe."
Du bist für dein junges Alter fußballerisch schon ordentlich herumgekommen. Nimm uns einmal mit auf deinen Weg deiner fußballerischen Stationen und Vereine.
„Mein fußballerischer Weg hat in Kroatien beim NK Vuteks Sloga begonnen. Danach spielte ich beim NK Zadar, bevor es für mich nach Irland zu Wilton United ging. Anschließend führte mich mein Weg nach Deutschland zu JFV Hannover United, danach zu Hannover 96 und später zu Eintracht Hannover. Heute spiele ich beim TSV Nettelrede in der Kreisliga. Jede dieser Stationen hat mich auf ihre eigene Art geprägt und mir neue Erfahrungen gebracht – sowohl sportlich als auch persönlich."

Nikolina Kolceg. Foto: privat.
Wie unterscheidet sich der Frauenfußball in Kroatien im Vergleich mit Deutschland?
„Ich würde sagen, dass der größte Unterschied in den Möglichkeiten und der Struktur liegt. In Kroatien ist Frauenfußball zwar sehr wichtig und die Leidenschaft dafür ist definitiv da, aber es gibt deutlich weniger Vereine und Möglichkeiten, Fußball auf einem hohen Niveau zu spielen und davon vielleicht sogar zu leben. In Deutschland ist der Frauenfußball insgesamt größer und professioneller aufgebaut. Es gibt mehr Vereine, mehr Strukturen und mehr Möglichkeiten. Gleichzeitig habe ich persönlich aber auch gemerkt, dass die Fußballkultur und der Umgang miteinander teilweise anders sind als in Kroatien."
Du hast 2022 für die kroatische U19-Nationalmannschaft gespielt. Was ging dir durch den Kopf, als du das erste Mal das Nationaltrikot mit dem berühmten Schachbrettmuster überstreifen durftest?
„Das war für mich ein unglaublich besonderer und emotionaler Moment. Ich bin in Kroatien aufgewachsen und Fußball war schon als Kind ein großer Teil meines Lebens. Deshalb das Trikot mit dem Schachbrettmuster selbst tragen zu dürfen und damit mein Land zu vertreten, war etwas ganz Besonderes für mich. In diesem Moment wurde mir erst richtig bewusst, dass ein Traum, den ich als Kind hatte, tatsächlich wahr geworden ist."
Welche Erinnerungen oder Spiele aus dieser Zeit sind dir am deutlichsten im Gedächtnis geblieben?
„Eine der Erinnerungen, die mir am stärksten geblieben ist, war definitiv der Moment, als ich zum ersten Mal im kroatischen Trikot auf dem Platz stand und die kroatische Nationalhymne gespielt wurde. In diesem Augenblick wurde mir erst richtig bewusst, dass ich mein Land vertreten darf. Das war für mich ein sehr emotionaler und besonderer Moment, den ich bis heute nicht vergessen habe."
Wer deine Vita liest – U19-Nationalspielerin in Kroatien und nun TSV Nettelrede in der Kreisliga –, reibt sich erst einmal die Augen. Wie verschlägt es eine kroatische Nationalspielerin ins beschauliche Nettelrede?
„Der Weg nach Nettelrede hat sich vor allem durch meine persönliche und berufliche Situation ergeben. Ich habe mich hier von Anfang an sehr wohlgefühlt, besonders die Atmosphäre innerhalb der Mannschaft hat mich überzeugt. Es ist ein Team, in dem ich mich gut aufgehoben fühle und einfach gerne Fußball spiele. Natürlich ist der Schritt von der U19-Nationalmannschaft in Kroatien in die Kreisliga auf den ersten Blick ungewöhnlich. Aber durch meine berufliche Ausbildung habe ich momentan leider nicht die Zeit, die nötig wäre, um Fußball auf einem höheren Niveau wirklich ernsthaft zu betreiben. Deshalb ist Nettelrede für mich aktuell eine sehr gute Kombination aus Fußball, Spaß und meinem beruflichen Weg."
Warum fiel die Wahl am Ende genau auf den TSV Nettelrede? Wer hat den Kontakt hergestellt und was hat dich am Verein überzeugt?
„Der Kontakt zum TSV Nettelrede kam eigentlich ganz unkompliziert über eine Freundin zustande, die dort selbst spielt. Ich bin einfach mal mit ihr zu einem Probetraining mitgekommen – und danach haben sie mich anscheinend nicht mehr gehen lassen, ohne dass ich einen Vertrag unterschreibe (lacht). Aber im Ernst: Ich habe mich beim Probetraining sofort sehr wohlgefühlt. Die Atmosphäre in der Mannschaft und der Zusammenhalt haben mir direkt gefallen und mich letztendlich davon überzeugt, beim TSV Nettelrede zu bleiben."
Gab es nach deinem Wechsel nach Deutschland oder während deiner bisherigen Zeit hier konkrete Angebote oder Anfragen von höherklassigen Vereinen?
„Ja, während meiner Zeit bei Hannover 96 gab es auch die Möglichkeit, zu einem höherklassigen Verein zu wechseln. Ich hatte damals ein Angebot vom VfL Wolfsburg. Allerdings war ich zu diesem Zeitpunkt noch in der Schule und habe mich letztendlich dafür entschieden, meiner Mutter zu folgen und meine schulische bzw. berufliche Zukunft nicht zu riskieren. Im Nachhinein war das natürlich keine ganz einfache Entscheidung, weil Fußball für mich immer sehr wichtig war. Trotzdem war es mir wichtig, auch außerhalb des Fußballs eine sichere Perspektive aufzubauen."

Nikolina Kolceg beim Freistoß. Foto: privat.
Mit 21 Jahren stehst du im besten Fußballalter. Spielst du in Nettelrede aktuell primär aus Spaß an der Freude und wegen des Umfelds, oder brennt in dir noch der Ehrgeiz, wieder in höheren Ligen anzugreifen? Was müsste passieren, damit du noch einmal den Schritt in eine höhere Liga wagst?
„Der Ehrgeiz ist auf jeden Fall noch da. Fußball ist nach wie vor ein sehr wichtiger Teil meines Lebens, aber momentan hat meine berufliche Ausbildung für mich Priorität. Für eine höhere Liga braucht man natürlich viel Zeit und regelmäßiges Training, und genau das lässt sich aktuell nicht so einfach mit meinem Berufsleben vereinbaren. Trotzdem würde ich nicht sagen, dass ich den Gedanken an höherklassigen Fußball aufgegeben habe. Wenn sich irgendwann eine Situation ergibt, die wirklich zu meinem beruflichen und persönlichen Leben passt, könnte ich mir durchaus vorstellen, noch einmal den Schritt nach oben zu machen."
Vom Abwehr-Talent zur Tormaschine: In den Datenbanken deiner U19-Zeit wurdest du meist als Abwehrspielerin geführt. Heute triffst du nach Belieben. Wann und wie kam es zu dieser Verwandlung von der Defensive in den Sturm?
„Der Wechsel von der Abwehr in den Sturm kam eigentlich ganz von selbst. Auch als Abwehrspielerin hatte ich schon immer das Bedürfnis, nach vorne etwas zu bewegen und aktiv ins Spiel einzugreifen. In der Defensive hatte ich oft das Gefühl, dass man ein Ergebnis hauptsächlich verwalten und halten kann. Mir hat aber irgendwann genau das gefehlt: die Möglichkeit, ein Spiel selbst zu drehen und mit einem Tor direkt etwas zu verändern. Dadurch habe ich immer mehr vorne gespielt und irgendwann gemerkt, dass mir diese Rolle einfach liegt und sehr viel Spaß macht."
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