06.01.2026 08:10
Interview
Jahresrückblick 2025: Zwischen Bundesliga-Glanz und Kreisfußball-Leidenschaft
Heute: Can Gürek von der SG Flegessen / „Der Übergang aus dem Nachwuchsleistungsbereich in den Amateurfußball war, um ehrlich zu sein, schwieriger als gedacht"

Can Gürek mischt derzeit mit der SG Flegessen die 1. Kreisklasse auf.
Von der großen Bühne der Junioren-Bundesliga zurück auf die heimischen Plätze im Kreis: Can Gürek blickt auf eine bewegte Laufbahn im Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) des SC Paderborn zurück. Im Interview spricht das aktuelle Gesicht der SG Flegessen über den harten Sprung vom Profi-Nachwuchs in den Amateurfußball, bittere Verletzungen während der Pandemie und sein neues Glück als Herbstmeister in der 1. Kreisklasse.
von Timor Folge
Can, Du bist in der Jugend damals beim ESV Eintracht Hameln gestartet. Schlussendlich bist Du im Jugendbereich mit dem SC Paderborn bis in die Bundesliga aufgestiegen. Wie ist es zum Wechsel nach Paderborn gekommen und welche Erinnerungen nimmst Du aus dieser Zeit mit?
„Der Kontakt zum SC Paderborn entstand schon zu meiner Zeit in der Jugend bei der SSG Halvestorf. Wir spielten damals ein Hallenturnier in Pyrmont, kamen bis ins Finale und trafen dort auf die Jugend des SCP. Viel weiß ich von dem Spiel heute nicht mehr, nur noch, dass wir am Ende – ich meine 2:1 – verloren haben. Ich konnte zwar zwischenzeitlich zum 1:1 ausgleichen, aber die Qualität des SCP hat sich am Ende einfach durchgesetzt. Natürlich war die Enttäuschung groß; man steht im Finale, gibt alles und verliert dann doch. Was mir den Tag aber irgendwie gerettet hat: Ich wurde zum besten Spieler des Turniers gewählt. Und besonders gefreut hat mich, dass sogar ein Elternteil eines SCP-Spielers zu mir kam und mir sagte, dass auch sie mich als besten Spieler gesehen hatten. Das hat mir noch mal viel bedeutet.
Später durften ein guter Freund und Mitspieler von mir, Nico Scholz, und ich einmal pro Woche beim SCP mittrainieren. Das ging über mehrere Wochen so weiter, es gab dann auch Gespräche, aber ein Wechsel kam für mich zu diesem Zeitpunkt einfach noch nicht infrage. Ich wollte gern in meiner gewohnten Umgebung bleiben, bei meiner Familie und meinen Freunden. Deshalb bin ich zunächst zum JFV Calenberger Land gewechselt, wo ich ebenfalls sehr schöne und erfolgreiche Jahre hatte. Der Kontakt zum SCP ist aber nie abgebrochen. Zur B-Jugend habe ich mir dann ein Herz gefasst. Ich hatte mehrere Probetrainings bei verschiedenen Vereinen, aber am Ende hat sich der Schritt ins NLZ nach Paderborn für mich einfach richtig angefühlt. Über all die Jahre habe ich gemerkt, dass ich meine beste Leistung abrufe, wenn ich mich wohlfühle. Dieses Gefühl hatte ich bei all meinen Stationen, vom ESV bis zum SCP, und genau deshalb ist der Wechsel letztlich zustande gekommen.
Aus der Zeit beim SCP nehme ich vor allem positive Erinnerungen mit. Es war ein schönes Gefühl, sich Woche für Woche mit den besten Jugendspielern in Deutschland messen zu dürfen. Fußball war immer meine Leidenschaft, und gegen Top-Teams wie die Jugendmannschaften des BVB, von Schalke 04, Gladbach, Leverkusen oder Köln zu spielen, hat mich extrem motiviert und weitergebracht. Besonders das Spiel gegen Eintracht Frankfurt, in dem ich zwei Tore erzielt habe, wird mir noch lange in Erinnerung bleiben. Den Stolz in den Augen meines Vaters sehen zu können, war noch mal ein sehr schönes Erlebnis für mich persönlich.“
In Deinem U19-Jahr beim SCP kamst Du auf lediglich drei Einsätze und 219 Minuten laut Transfermarkt.de. Sofern diese Zahlen stimmen: Woran lag es aus Deiner Sicht, dass Deine Spielzeit im Vergleich zur U17 deutlich verkürzt wurde?
„Zum Ende meiner U17-Zeit habe ich mir im Spiel gegen Bayer Leverkusen eine schlimme Verletzung am Finger zugezogen. Ich musste noch am selben Tag operiert werden. Die Operation verlief zwar gut, aber Fußball war für mich erst mal komplett gestoppt. Ich trug wochenlang eine Schiene, war dauerhaft in der Reha und musste meinem Körper einfach die Zeit geben, vollständig zu heilen. Als ich dann in mein erstes U19-Jahr gestartet bin, wurde der Finger langsam wieder besser, aber während die anderen Jungs schon wieder voll im Trainingsbetrieb waren, steckte ich noch mitten im Aufbau. Ich bin mehrere Monate raus gewesen, körperlich und vom Rhythmus her. Also musste ich mich Schritt für Schritt wieder an ein hohes Leistungsniveau heranarbeiten.
Wir spielten in diesem Jahr zwar ‚nur‘ in der Westfalenliga, weil die U19 zuvor abgestiegen war, aber mit der Zeit fand ich wieder rein. Ich bekam Einsätze, fühlte mich immer wohler und stand gegen Winter auch häufiger in der Startelf. Ich konnte Tore beisteuern, Vorlagen geben und ich hatte das Gefühl, dass ich wieder dort ankomme, wo ich hinmöchte. Doch dann wurde aufgrund der Corona-Pandemie der komplette Spielbetrieb eingestellt. Wir waren auf Aufstiegskurs und sind am Ende dann auch durch die Entscheidung des Verbands wieder in die Junioren-Bundesliga aufgestiegen.
Für mein zweites U19-Jahr hatte ich große Ziele. Es war mein letztes Jugendjahr, ich war der ältere Jahrgang und ich wollte mich noch mal beweisen. Ich habe deshalb auch in der Sommerpause während der Pandemie und abseits des Mannschaftstrainings so viel wie möglich eigenständig trainiert. Die Vorbereitung lief super, ich verstand mich hervorragend mit der Mannschaft und dem Trainerteam. Nach drei Saisonspielen war jedoch wieder Schluss. Wegen der Quarantäne und der Pandemie wurde der Spielbetrieb erneut eingestellt und das war’s im Grunde mit der Saison für mich. Wir durften später zwar wieder trainieren, ich durfte auch hin und wieder bei der U21 reinschnuppern, aber offizielle Pflichtspiele gab es schlicht keine mehr.“
Wie war für Dich nach der Zeit im Jugendbereich der Übergang vom Nachwuchsleistungsniveau in den unteren Amateurbereich?
„Der Übergang aus dem Nachwuchsleistungsbereich in den Amateurfußball war, um ehrlich zu sein, schwieriger als gedacht. Viele, die in der Jugend mal etwas höher gespielt haben und dann in den Amateurbereich wechseln, unterschätzen das zunächst ein bisschen. Der Unterschied zwischen Jugendfußball auf NLZ-Niveau und Herrenfußball im Amateurbereich ist in jeglicher Hinsicht enorm. Nach ein paar Spielen konnte ich mich aber ganz gut einfinden. So habe ich dann auch wieder richtig gemerkt, wie viel Spaß Fußball eigentlich machen kann, wenn man mit Freunden auf dem Platz steht und in der eigenen Umgebung spielt. Das war ein Gefühl, das ich in den letzten Jahren davor etwas verloren hatte. Deshalb hat mir der Schritt zurück in den Amateurbereich persönlich wirklich gutgetan. Zwar heißt es ‚Amateurbereich‘, aber für mich trifft diese Bezeichnung nicht in jeder Hinsicht zu. Klar, es ist offiziell Hobbyfußball, man geht nebenbei arbeiten oder zur Schule, aber hier in der Region laufen auch in den unteren Ligen richtig gute Kicker herum.“
Was motiviert Dich, weiterhin Fußball zu spielen – auch in unteren Amateurklassen?
„Was mich besonders motiviert, weiterhin Fußball zu spielen, selbst in den unteren Amateurklassen, ist eigentlich ganz einfach: Fußball ist ein riesiger Teil meines Lebens. Ich habe mit drei Jahren angefangen zu spielen und seitdem nie wirklich losgelassen. Die meisten meiner Freunde kenne ich durch das Kicken, und viele meiner schönsten Erinnerungen hängen direkt mit dem Fußball zusammen. Vor allem die Zeit mit meinem Vater und meiner Familie, die mich auf diesem Weg begleitet haben, bedeutet mir unglaublich viel. Der Spaß, die Freude, die Emotionen, die dieser Sport einem gibt, sind Grund genug für mich weiterzumachen, egal in welcher Liga.“
Was bedeutet Dir Fußball heute? Ist es ein Ausgleich, Leidenschaft oder packt Dich weiterhin der absolute Ehrgeiz?
„Die Bedeutung, die Fußball für mich hat – unabhängig davon, ob heute oder in der Vergangenheit oder Zukunft –, lässt sich eigentlich gar nicht vollständig in Worte fassen. Als Kind war es vor allem die Leidenschaft und die Liebe zum Spiel, die mich geprägt haben. Mein Vater hat mich damals zum ersten Mal auf den Platz gestellt und für mich war sofort klar: Das passt zu mir. Fußball hat mich irgendwie erfüllt und glücklich gemacht.
Mit den Jahren kam dann natürlich der Ehrgeiz dazu. Der Traum, das eigene Hobby vielleicht zum Beruf zu machen. Und auch heute ist ein gewisser Ehrgeiz noch da. Klar, es geht nicht mehr darum, Profi zu werden, aber mal ein Derby zu gewinnen, eine Meisterschaft zu holen oder den Pokal hochzuhalten, kann auch mal etwas Schönes sein. Dieser Wettkampfgedanke verschwindet nie ganz. Aus heutiger Sicht ist Fußball für mich vor allem ein Ausgleich. Auf dem Platz kann ich abschalten, komplett loslassen und einfach wieder ein kleiner Junge sein, dem es Spaß macht, Fußball zu spielen. Also ja, die drei Wörter, die Ihr schon genannt habt, treffen es eigentlich perfekt: Leidenschaft, Ausgleich und ein bisschen Ehrgeiz. Ihr habt damit Eure Fragen eigentlich schon selbst beantwortet (lacht).“
Im Sommer bist Du zur SG Flegessen gewechselt. Was hat Dich an diesem Verein überzeugt? Wie hast Du Dich im neuen Verein zurechtgefunden?
„Der Wechsel zur SG Flegessen ist eher spontan entstanden. Am Ende haben mich aber vor allem das Trainerduo Özkan Ünsal und Henning Schulze überzeugt. Die beiden kenne ich noch aus meiner Zeit beim SV Azadi Hameln und wusste daher von Anfang an, dass ich bei ihnen absolut in guten Händen bin. Dazu kamen persönliche Gründe, auf die ich nicht näher eingehen möchte. Ich wollte noch mal etwas Neues ausprobieren und das Gesamtprojekt der SG hat mich einfach überzeugt, sodass ich hiervon gern ein Teil sein wollte. An dieser Stelle möchte ich mich auch noch mal beim SV Azadi Hameln und besonders bei Yalcin Uzun für die gemeinsame Zeit dort und alles Weitere herzlichst bedanken.
In Flegessen habe ich mich vom ersten Tag an richtig wohlgefühlt. Die Jungs haben mich super aufgenommen und ich habe mich schnell in die Mannschaft eingefunden. Am Anfang war es spielerisch noch etwas schwierig: viele Neuzugänge, ein Umbruch – da braucht es Zeit, bis alles zusammenwächst. Aber mittlerweile sind wir zu einer echten Einheit geworden. Ich gehe auch gern zum Training und zu den Spielen – außer wenn Henning wieder seine Bergläufe machen will.“
Ihr geht als Herbstmeister in die Winterpause. Was möchtest Du mit der SG in der Zukunft erreichen?
„Als Herbstmeister in die Pause zu gehen, ist natürlich ein gutes Gefühl, aber das bedeutet nicht, dass wir schon am Ziel sind. Von Anfang an war unser klares Saisonziel der Wiederaufstieg in die Kreisliga. Und genau mit diesem Mindset gehen wir jetzt auch die Rückrunde an. Für die Zukunft sehe ich bei der SG Flegessen vor allem zwei Punkte: Erstens natürlich den Aufstieg und die feste Etablierung in der Kreisliga. Zweitens befinden wir uns gerade in einem Verjüngungsprozess. Immer mehr Spieler aus der Jugend stoßen zu uns in die erste Herrenmannschaft. Die wollen wir natürlich gut aufnehmen und ihnen die Möglichkeit geben, im Herrenfußball Fuß zu fassen. Ich glaube, dass die Mischung aus jungen, hungrigen und erfahrenen Spielern eine enorme Stärke ist. Wenn wir diesen Weg weitergehen, können wir uns langfristig in der Kreisliga etablieren. Vielleicht ist später irgendwann auch noch mehr möglich. Aber erst mal der Aufstieg und dann nachhaltig weiterarbeiten.“
Hast Du abschließend Erfahrungen oder Ratschläge, die Du jungen Spielern aus dem Kreis mitgeben würdest, die vielleicht einen ähnlichen Weg ins NLZ gehen oder noch vor sich haben?
„Als Ratschlag kann ich nur geben: Verliert niemals den Spaß und die Freude am Fußball. Das ist die Basis von allem. Es wird immer Phasen geben, in denen es vielleicht mal nicht so läuft, wie man es sich vorstellt, oder Momente, in denen der Druck und Stress einen fast schon auffressen. Aber genau dann sollte man dranbleiben und weiter hart arbeiten. Am Ende zahlt sich das immer aus.
Bleibt am Ball! Für manche öffnet sich die Tür früher, für andere später und manchmal auch ganz unerwartet. Aber wenn Ihr es schafft und im NLZ seid, dann fängt die eigentliche Arbeit erst richtig an. Ein Platz im NLZ bedeutet nicht automatisch, dass der Profivertrag darauf wartet, unterschrieben zu werden. Im Gegenteil: Man muss eher noch mehr arbeiten und darf sich nicht darauf ausruhen. Und selbst wenn der Weg nicht über ein NLZ führt, trotzdem weiter am Ball bleiben. Es gibt viele Profis, die es ohne NLZ geschafft haben. Deshalb noch mal: Bleibt am Ball und macht einfach das, was Ihr liebt – nämlich Fußball spielen.“
Kommentare