10.08.2022 11:02

Interview


Bossauer hat die Boss-Aura: „Wie eine Maschine voll Adrenalin“

„Ein unbeschreibliches Gefühl und irgendwann ist man süchtig danach“
Roman Bossauer Gewichtheben Action-Foto 1
Roman Bossauer gehört zu den erfolgreichsten Gewichthebern in der Region. Foto: Privat.

Im regelrechten Fitness-Wahn der vergangenen Jahre gehört das Stemmen von Hanteln und Gewichten wohl zum Alltagshobby vieler Fitness-Begeisterten. Roman Bossauer, einst Gewichtheber beim TC Hameln und Blau-Weiß Tündern, legt in dieser Hinsicht jedoch mehr als eine Schippe drauf. So stemmte der gelernte Pädagoge und Superschwergewichtler Scheiben im Gesamtgewicht von jenseits der 150 Kilogramm. Ein Kraftakt, der ihm in der Vergangenheit auch die Vertretung der deutschen Farben bei der Weltmeisterschaft eingebracht hat. Wir haben uns mit dem Kraftsportler über seine Leidenschaft, Erfolge und gesundheitliche Bedenken unterhalten.

Roman, Du giltst als der Gewichtheber aus dem Kreis Hameln-Pyrmont. Die Dewezet verlieh Dir einst den Titel als „Herkules aus Hameln“. Dabei gehört das Gewichtheben auf Leistungsebene nicht unbedingt zu den prominentesten Sportarten in der Region. Wie bist Du ursprünglich zu Deiner Leidenschaft gekommen?
Roman Bossauer: „Mein Weg zum Gewichtheben und überhaupt zum Sport war sehr lang. Als Kind war ich schwer krank und daher einige Jahre vom Sportunterricht befreit. Irgendwann habe ich trotz Sportverbots heimlich Sport gemacht, einfache Fitnessübungen zuhause. Später war ich bei den Gewichthebern. Allerdings war ich schon 14 und der Trainer meinte zu mir, dass es zu spät für eine ernsthafte Laufbahn als Gewichtheber sei. So landete ich in einem Kraftstudio, wo ich einen Mix aus Kraftdreikampf und Bodybuilding getrieben habe. Erst im Studium habe ich beim Praktikum beim TC Hameln alle Sportsparten besuchen müssen und unter anderem auch die Sparte von Rolf Mertens. Der mittlerweile verstorbene Gewichtheber hat mich als Erster das Gewichtheben gelehrt. Am Anfang habe ich noch an ein paar Kraftdreikampf-Wettkämpfen für TC teilgenommen. Nach einem Jahr habe ich dann nur noch Gewichtheben gemacht. Schon beim ersten Wettkampf kam Frank Abel auf mich zu und hat mich zum Training nach Tündern eingeladen. So begann bei mir erst mit 29 die richtige Gewichtheber-Karriere.“ 

Sportlich gesehen warst Du jahrelang auf höchstem Niveau aktiv. Als mehrfacher Deutscher Meister und WM-Teilnehmer gibt es im Umland wohl kaum jemanden, der mehr Erfahrung im Gewichtheben hat als Du. An welchen Moment Deiner Karriere erinnerst Du Dich heute noch gerne zurück?
Bossauer: „Wenn ich an meine Wettkämpfe denke, so kann ich mich an viele schöne Momente erinnern. Entscheidend dabei ist nicht so die Platzierung, sondern der Wettkampf selbst. Dabei ist das, was man ‚Über-sich-hinaus-wachsen‘ nennt, was besonders positiv in der Erinnerung bleibt. Wenn man eine Medaille ohne richtige Gegner gewinnt, ist das halb so viel wert, als wenn man für diese Medaille an der Grenze seiner Möglichkeiten und darüber hinaus gekämpft hat. Solche Wettkämpfe hatte ich einige. So zum Beispiel die Deutsche Masters Meisterschaft 2013. Da habe ich vor der Anreise nicht mit dem ersten Platz gerechnet. Im Wettkampf habe ich mich aber so hineingesteigert, dass ich jetzt im Nachhinein immer noch nicht verstehe, wie ich dieses Gewicht geschafft habe. In solchen Momenten denkt man nicht viel nach, sondern agiert nur noch wie eine Maschine voll Adrenalin. Das ist ein unbeschreibliches Gefühl und irgendwann ist man süchtig danach. Oder die Weltmeisterschaft in Polen im Jahr 2010. Ich habe die ganze Nacht vor Aufregung nicht schlafen können. Bis der Wettkampf vorbei war, habe ich jeden Herzschlag von mir gehört. Es war ein knallharter Kampf, wir pokerten mit den Steigerungen und haben unglaubliche Lasten bewegt.“
Roman Bossauer TrainerGewichtheben
Mittlerweile ist Bossauer ins Trainergeschäft eingestiegen. Foto: Privat.

Nach Deiner aktiven Karriere bist Du ins Trainergeschäft beim TC gewechselt. Was hat Dich dazu veranlasst, Dein Wissen und Deine Erfahrung auch an den Nachwuchs weiterzugeben?
Bossauer: „Es war am Anfang nicht unbedingt geplant, als Trainer tätig zu sein. Ich bin irgendwie nach und nach in diese Rolle hineingewachsen. Zuerst waren es nur ein paar Tipps und mit der Zeit wurde es immer mehr. Ich treibe gern diese Sportart und wollte nicht, dass sie irgendwann aus Hameln verschwindet. Da passt es ganz gut, dass ich als Lehrer arbeite und direkten Zugang zum Nachwuchs habe. Mittlerweile hat sich die Zusammenarbeit zwischen meiner Schule und meinem Verein so gut entwickelt, dass die Gewichtheben-AG fest im Stundenplan der Theodor-Heuss-Schule steht. Und es macht Riesenfreude zu sehen, wie sich die Sportler entwickeln. Sie bei Wettkämpfen zu begleiten, ist oft, als ob man selbst wieder aktiv ist. Das schenkt viele schöne Emotionen. Als ob man selbst wieder aktiv am Wettkampf teilnimmt. Ich habe mit und ohne Trainer trainiert und weiß, wie viel eine Betreuung ausmachen kann. Ohne meine Trainer hätte ich das alles nicht erreicht und nicht erlebt, also will ich auch etwas zurückgeben.“

Es ist kein Geheimnis, dass viele Jugendliche und junge Erwachsene aufgrund von einseitiger Belastung oder Bewegungsmangel unter Haltungsfehlern leiden. Das Gewichtheben kann in dieser Hinsicht zu Verbesserungen führen. Allerdings stemmen viele Fitness-Begeisterte ihre Gewichte lieber im Fitnessstudio als im Verein. Wie beurteilst Du diese Entwicklung?
Bossauer: „Die Fitnessstudios an sich sind eine tolle Sache und ich selbst trainiere auch gern dort an Geräten oder mit Hanteln. In meinen jungen Jahren habe ich als Fitnesstrainer gearbeitet und auch jetzt mache ich im Energy Gym sonntags Crossfit-Workouts. Dass es mehr Möglichkeiten gibt, Sport zu treiben, ist keine schlechte Entwicklung. Dadurch wandern aber auch die Mitglieder aus den Vereinen ab. Ich finde das schade, aber da müssen die Vereine ihre Konzepte überdenken, wenn sie in diesen Bereichen erfolgreicher werden wollen. Ob Fitnessstudio oder Verein: es ist eigentlich relativ egal, solange man von kompetenten Trainern begleitet wird. Ich habe in verschiedenen Studios trainiert und gearbeitet. Oft habe ich da das Training mancher Menschen beobachtet, was man schon als eine Körperverletzung bezeichnen könnte. Das Gewichtheben kann auch als Rückenschule betrachtet werden, wenn man das natürlich nicht wettkampforientiert betreibt. Allerdings begreifen die meisten das nicht und wollen mir das auch nicht glauben, wenn ich ihnen das erzähle.“

In der Regel beginnen junge Gewichtheber bereits in der Jugend mit der Ausübung des Sports. Manche glauben jedoch, dass ein Einstieg im Kindesalter das eigene körperliche Wachstumsverhalten hemmen könnte. Wie stehst Du dieser Behauptung gegenüber und ab wann ist für dich das ideale Einstiegsalter für das Gewichtheben?
Bossauer: „Das ideale Alter für die erfolgreiche Gewichtheber-Karriere liegt zwischen sieben und zehn Jahren, so wie in vielen anderen Sportarten auch. Man kann natürlich in jedem Alter anfangen. Gewisse Bewegungsabläufe werden aber oft mit steigendem Alter verlernt oder können nicht mehr erlernt werden. Das Gewichtheben erfordert ein hohes Maß an Gleichgewichtsgefühl, Gelenkigkeit und Körperspannung. Oft kommen zwölfjährige Kinder zu mir mit einem krummen Rücken. Solche Kinder können nicht Mal einen Holzstock über den Kopf halten. Da brauche ich mit Gewichtheben nicht anzufangen, bis der Rücken gerade ist. In jeder Sportart ist das Kindertraining kindgerecht aufgebaut. Das Gewichtheben ist da keine Ausnahme. Kinder trainieren mit Kindergewichten und lernen als Erstes die richtige Hebetechnik. Bei den Wettkämpfen sind in erster Linie der Spaß und das Kennenlernen der Wettkampfsituation wichtig. Eine Wachstumshemmung beim Gewichtheben gibt es nicht. Mit schweren Gewichten wird erst trainiert, wenn die Kinder ausgewachsen sind, also im jungen Erwachsenenalter. Seit Jahren gibt es schon Untersuchungen, die diesen alten Aberglauben widerlegen. Im Gegenteil, das Training mit Belastung fördert den Knochenwachstum und sorgt für gesunde Knochendichte. Einige meiner Athleten trainieren bei mir seit dem neunten Lebensjahr, niemand von ihnen leidet unter Kleinwuchs, ganz im Gegenteil. Jeder kann sich gern davon überzeugen und ist herzlich zum Training eingeladen.“
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Autor des Artikels

Robin Besser
Robin Besser
Robin kam am 01. August 2022 als fester Neuzugang ins Team AWesA, war zuvor als freier Mitarbeiter aktiv. Sein Herz schlägt für den Lokalsport und die Vereine im Weserbergland.
Telefon: 05155 / 2819-320
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