10.04.2020 08:30

Interview


Das große Oster-Interview: Söchting spricht über Jugend-Fußball!

Jugendförderverein in den Startlöchern / Söchting „Vehementer Verfechter eines JFV in Hameln“

Michael Söchting im ausführlichen Interview.

Er ist seit einem knappen Vierteljahrhundert als Trainer im Einsatz: Die Rede ist von Michael Söchting. In der laufenden Spielzeit coacht „Koala“ zusammen mit Tünderns Oberliga-Spieler Kris-Lennart Müller die Landesliga C-Junioren der JSG Halvestof/Hem/TCH. Wir haben uns mit ihm über die aktuelle Situation in der Jugendspielgemeinschaft der Vereine Tündern, Hilligsfeld, Afferde, Halvestorf und TC Hameln unterhalten. Darüber hinaus kündigt Söchting für die kommende Spielzeit einen Jugendförderverein an. Von der A- bis zur D-Jugend sollen 13 Teams auf Kreis-, Bezirks- und Landesbene an den Start gehen. Zudem haben wir uns mit dem 54-Jährigen ausführlich über den bisherigen Saisonverlauf, die momentane Lage aufgrund der Coronakrise und seine persönliche Zukunft unterhalten – Teil 1 des Interviews heute auf AWesA.

1.) Im Sommer des letzten Jahres sind die JSG Hameln-Land, bestehend aus BW Tündern, TB Hilligsfeld und Eintracht Afferde, sowie die JSG Halvestorf/TC Hameln verschmolzen. Du bist seit vielen Jahren Jugendtrainer in Hilligsfeld. Mittlerweile spielen Deine Jungs unter dem Namen JSG Halvestorf/TC Hameln in der Landesliga C-Jugend, Du bist Co-Trainer. Wie hast du die Monate seit der Gründung erlebt?
Michael Söchting: „Dank der Unterstützung der Jugendleitungen aller beteiligten Vereine funktioniert das noch besser, als wir erhofft hatten. Stellvertretend sei hier einmal Halvestorfs Karsten Kallmeyer genannt, der sich da sehr ins Zeug gelegt hat. Die Probleme bereiteten bei der Kooperation weniger die Spieler, um deren Wohl es ja eigentlich gehen sollte und für die das Ganze ja in die Wege geleitet wurde, als manche Eltern. Nach wenigen Wochen schon war unsere Mischung aus Spielern der Jahrgänge 2005 und 2006 zu einer schlagkräftigen Gemeinschaft zusammengewachsen, die den Sprung aus der Kreisliga in die Landesliga mit Bravour bewältigt hat. Die Eltern konnten ihre Ressentiments schließlich auch schnell zur Seite legen, als sie gemerkt haben, dass es allen Verantwortlichen wirklich ausschließlich um die Förderung ihrer Kinder ging. Mit Kris-Lennart Müller als Cheftrainer konnten wir dabei einen Glücksgriff aus dem Hut zaubern, zu dem unsere Spieler als aktivem Oberligaspieler aufschauen können, vor dem sie Respekt haben und der dennoch ihre merkwürdige Sprache sprechen kann. Sehr zu unser aller Bedauern hört Kris zu Saisonende aus beruflichen Gründen aber schon wieder auf – das hätten wir uns gerne anders gewünscht.“

2.) Seit einiger Zeit werden Diskussionen darüber geführt, ob man es bei der großen Jugendspielgemeinschaft belassen solle oder ein Jugendförderverein die bessere Lösung sein könnte – ähnlich wie beim JFV Union Bad Pyrmont der Fall ist. Bei welchem Konstrukt siehst Du die entscheidenden Vorteile bzw. welche Nachteile schließen das andere aus?
„Ich bin seit knapp zehn Jahren ein vehementer Verfechter eines Jugendfördervereins in Hameln. Die Argumente dafür sind offenkundig: Die besten Spieler in den höchsten Spielklassen der Region, trainiert von den ambitioniertesten und am besten ausgebildeten Trainern der Region. Ein Jugendförderverein hat ein eigenes Management, zudem eine eigene Struktur und Organisation, hinzu kommen Konzeption, Außenwirkung und Identifikation – Verlässlichkeit und Nachhaltigkeit pur. Die Durchlässigkeit zwischen den ersten und nachgeordneten Mannschaften der Jahrgangsstufen ist deutlich besser zu praktizieren. Perspektivisch gesehen ist bei einem JFV auch nach oben mehr Luft, denn nach den NFV-Statuten darf eine JSG nicht höher als in der Landesliga an den Start gehen. Alle Fußballfachleute der Region, die ich kenne, befürworten das Konstrukt JFV gegenüber einer JSG aus den genannten Gründen. Darunter befinden sich auch die Vorstände aus Halvestorf, Tündern und Hilligsfeld. Ich bin deswegen umso glücklicher, dass es uns nun nach jahrelangen, vermittelnden Vorgesprächen endlich gelungen ist, zusammen mit den drei Stammvereinen BW Tündern, TB Hilligsfeld, SSG Halvestorf und vielen begeisterten Vorstandskollegen Anfang März den Jugendförderverein Hameln aus der Taufe zu heben. Dieser soll ab der kommenden Saison 2020/2021 dann mit insgesamt 13 Teams von der D- bis zur A-Jugend auf Kreis-, Bezirks- und Landesliga-Ebene an den Start gehen!“

3.) Vor einigen Jahren waren wesentlich mehr Mannschaften aus dem Landkreis Hameln-Pyrmont im Bezirk und darüber hinaus vertreten. Warum hat sich der Nachwuchsfußball nicht nur lokal, sondern auch regional deutlich zurückentwickelt?
„Das hat aus meiner Sicht viele Gründe: Zum Einen liegen die natürlich erst einmal rein mathematisch in der Demographie begründet. Weniger Spieler, weniger Qualität. Dann erfährt das Ehrenamt leider einen dramatischen Werteverlust in unserer Gesellschaft, sodass sich immer weniger Trainer, Betreuer oder Vereinsverantwortliche dauerhaft für ein paar Cent Aufwandsentschädigung dieser immens zeitaufwändigen und kräfteraubenden Aufgabe verschreiben. Jugendtrainer erhalten leider bei weitem nicht ausreichend Beachtung, Wertschätzung und Entlohnung für ihre Arbeit. Das ist ein strukturelles Defizit. Wenn man bedenkt, dass selbst in jeder Kreisklassentruppe der Chefcoach das Doppelte oder Dreifache von dem nach Hause bringt, was ein Jugendtrainer in der Landesliga erhält, dann ist das allein für sich schon aussagekräftig genug. Weder der zeitliche Aufwand, der sportliche Anspruch oder die soziale Verantwortung werden in unserem System ansatzweise berücksichtigt. Daher bleiben im Jugendfußball auch fast immer nur die „positiv bekloppten“ Trainer länger hängen. Das sind dann aber auch nicht immer die, die den Kindern praktisch oder theoretisch am meisten vermitteln können. Katastrophal auf die Motivation der Trainer wirken sich aber auch zwei weitere Dinge aus: Das Eine sind leider die „Helikoptereltern“ unserer Zeit, die uns Trainern gerade in den unteren Jahrgängen unglaublich viel und zudem ohne Verstand von der Materie ins Handwerk pfuschen, die Arbeit damit verleiden. Das Andere sind die Überhöhung und Pseudoprofessionalisierung schon des unteren Jugendbereiches. Wenn ich in den letzten Jahren mitbekommen habe, dass schon Achtjährigen von Möchtegern-Ausbildungsvereinen, insbesondere hinter dem Deister, aber auch in Ostwestfalen, vorgegaukelt wird, sie müssten „für den nächsten Schritt“ zur Profikarriere unbedingt einen Wechsel zu ihnen vollziehen, weiß man gar nicht, wen man zuerst bedauern soll: Das Kind oder die Eltern. Hier werden oftmals schon gerade einmal durchschnittliche Talente unnötig überhöht, gehandelt, verschachert und am Ende verheizt. Das in diesen Altersklassen schon beobachten zu müssen, ist mitunter schon abstoßend.“

Im morgigen Teil 2 berichtet Söchting über den bisherigen Saisonverlauf, die Coronakrise und seine Zukunft.
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Autor des Artikels

Timo Schnorfeil
Timo ist nach Matze Dienstältester im Team AWesA, telefoniert, schreibt und knipst – und ist Chef der redaktionellen Organisation.
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