25.06.2026 10:40

Meldung


„Wechselfehler“: HF Aerzen Damen - Von der Spielgemeinschaft zur Handballfamilie

„Unser größter Erfolg ist nicht das, was auf der Anzeigetafel steht, sondern die Gemeinschaft, die wir über die Jahre aufgebaut haben“
HF Aerzen Frauen Teamfoto auf Latte sitzend
Die HF Aerzen sind aus einer sportlichen Notlage heraus entstanden - und mittlerweile zu einer echten Gemeinschaft geworden.
Wechselfehler Kolumne Handball Logovon Jörg Vietmeyer

Manchmal entstehen die besten Geschichten aus Situationen, die eigentlich niemand haben wollte.

Die Geschichte der HF Aerzen Damen beginnt genauso. Denn ursprünglich war diese Mannschaft einmal eine sportliche Notlösung. Zwei Teams standen kurz davor, sich aufzulösen. Also tat man das, was im Amateurhandball oft getan wird, wenn die Alternativen ausgehen: Man rückte zusammen. Was damals als Spielgemeinschaft begann, entwickelte sich über die Jahre zu etwas viel Größerem. „Aus Mitspielerinnen sind Freundinnen geworden“, erzählt Carmen Schrader. Und genau dieser Satz beschreibt die Mannschaft vermutlich besser als jede Tabelle.

Die Mannschaft lebt jedoch nicht nur von den aktiven Spielerinnen. Zur Handballfamilie gehören auch viele ehemalige Spielerinnen, die ihre Handballschuhe längst an den Nagel gehängt haben. Sie finden immer wieder den Weg zurück in die Halle, feuern die Mannschaft bei Heimspielen an und bleiben Teil der Gemeinschaft. Genau das macht den besonderen Zusammenhalt aus: Wer einmal Teil dieser Mannschaft war, bleibt es irgendwie auch heute noch.

Mehr als nur eine Mannschaft


Natürlich wurde auch erfolgreich Handball gespielt. Die vergangene Saison begann allerdings alles andere als nach Wunsch. Vier Niederlagen in den ersten sechs Spielen, viele Fragezeichen und Ergebnisse, die deutlich hinter den eigenen Erwartungen lagen. Andere Mannschaften hätten möglicherweise die Köpfe hängen lassen. Die HF Aerzen nicht.

Denn was die Mannschaft laut Carmen Schrader besonders auszeichnet, ist ihr Zusammenhalt. „Bei uns steht nicht die einzelne Spielerin im Vordergrund, sondern immer die Mannschaft.“ Vielleicht war genau das der Schlüssel.

Denn am Ende stand nicht nur ein starker dritter Platz. Es gab auch einen Moment, den die Mannschaft so schnell nicht vergessen wird: Den Sieg gegen den bis dahin ungeschlagenen Tabellenführer aus Vinnhorst. „Vor dem Anwurf hatte jede von uns einen kleinen Köttel in der Hose“, erinnert sich Schrader schmunzelnd. Nach dem Schlusspfiff dürften die Sorgen allerdings verflogen gewesen sein.

Der Sieg gegen den Spitzenreiter zählt für viele Spielerinnen zu den schönsten Momenten der Saison. Wobei das nur die halbe Wahrheit ist. Denn wer mit den Damen der HF Aerzen spricht, merkt schnell: Die schönsten Erinnerungen entstehen oft gar nicht auf der Platte.

Joerg Vietmeyer Handball Kolumne
Jörg Vietmeyer.

Die kleinen Geschichten bleiben


Es sind die kleinen Geschichten. Die Spielerin, die vor jedem Spiel noch einmal das stille Örtchen aufsuchen muss. Die obligatorische Stress-Zigarette nach dem Abpfiff. Die Diskussionen über die Kabinenmusik. Die Frage, wer bei Auswärtsfahrten diesmal den Fahrdienst übernehmen muss. Oder die Mitspielerin, die nach dem Training im Pyjama nach Hause fährt.

Genau diese Geschichten sorgen dafür, dass aus einer Mannschaft mehr wird als nur eine Mannschaft. Die Stimmung innerhalb des Teams beschreibt Schrader als laut, herzlich und manchmal leicht chaotisch. Es wird viel gelacht, sich gegenseitig aufgezogen und natürlich auch mal diskutiert. Aber wenn es darauf ankommt, hält die Mannschaft zusammen. Vielleicht ist genau das die DNA dieser Truppe.

Mallorca statt Fintel


Besonders stolz sind die Aerzenerinnen deshalb nicht nur auf ihre sportlichen Erfolge. Sondern auch darauf, dass sie endlich eine jahrelange Mission erfolgreich abgeschlossen haben. Mallorca. Jahrelang wurde darüber gesprochen. Jahrelang wurde geplant. Jahrelang endete die Reise stattdessen irgendwo in Fintel oder Willingen.

Diesmal hat es endlich geklappt. Man bekommt schnell das Gefühl, dass dieser Erfolg intern fast genauso gefeiert wurde wie der Sieg gegen Vinnhorst.

Von der Relegation in die Eskalation


Nun wartet das nächste Kapitel. Aufstieg. Neue Liga. Neuer Trainer. Neue Spielerinnen. Vieles wird anders. „Wir wissen ehrlich gesagt noch überhaupt nicht, was in der neuen Liga auf uns zukommen wird“, sagt Schrader.

Trotzdem blickt die Mannschaft voller Vorfreude nach vorne. Vielleicht auch deshalb, weil ihre größte Stärke nicht von Tabellen oder Spielsystemen abhängt. Die Mannschaft weiß, wer vor dem Spiel nervös wird. Wer nach dem Spiel als Erste ein Kaltgetränk öffnet. Wer sich beim Duschen die meiste Zeit lässt. Und vor allem weiß sie, dass man gemeinsam durch gute und schlechte Zeiten geht.

Handball, Freundschaft und neue Fritteusen


Warum man sich ein Heimspiel der HF Aerzen anschauen sollte? Die Antwort fällt leicht. Leidenschaftlicher Amateurhandball, jede Menge Emotionen und eine Mannschaft, die um jeden Ball kämpft. Und wie Carmen Schrader augenzwinkernd ergänzt: „Es gibt bald neue Fritteusen für Pommes!“

Die vielleicht schönste Antwort auf meinen Fragebogen kam deshalb ganz zum Schluss: „Unser größter Erfolg ist nicht das, was auf der Anzeigetafel steht, sondern die Gemeinschaft, die wir über die Jahre aufgebaut haben.“ Mehr Amateurhandball geht eigentlich nicht.

Und deshalb passt die HF Aerzen perfekt zu dem, worum es bei Wechselfehler gehen soll. Nicht nur um Punkte. Nicht nur um Tabellen. Sondern um die Geschichten, die der Handball im Weserbergland schreibt.

Und die Geschichte der HF Aerzen ist noch lange nicht zu Ende. Vor allem dann nicht, wenn das neue Mannschaftsmotto tatsächlich Einzug hält: „Von der Relegation in die Eskalation.“

Bis zum nächsten Mal bei „Wechselfehler“.

Und denkt dran:
Immer schön korrekt wechseln.

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