17.03.2021 16:30

Meldung


Rohrsen vor ungewisser Zukunft – „Mehr Neustart als Restart“

Acht (!) Spielerinnen verlassen den MTV / Corona, Pendelei, 3. Liga

Leistungsträgerin Celina Männich wird den MTV Rohrsen verlassen - ebenso wie sieben weitere Spielerinnen.
Thomas Niepelt Manuela Schostag MTV Rohrsen AWesA
Rohrsens Handball-Chef Thomas Niepelt erlebte mit seinem MTV viele Erfolge.
„Es wird mehr ein Neustart als ein Restart“, sagt Rohrsens Handball-Chef Thomas Niepelt auf die Frage, wie es mit den Handball-Frauen des MTV weitergeht. Steht das Aushängeschild des Frauen-Handballs in Hameln-Pyrmont vor einer neuen Ära? Als Rohrsen sich notgedrungen dazu entscheidet, die Mannschaft zu Beginn der Saison 2015/16 aus der dritten Liga zurückzuziehen, gelingt unter der Führung von Managerin Nina Griese und ihrem Bruder sowie Neu-Trainer Carem Griese die Auferstehung. Nach dem freiwilligen Abstieg in die Oberliga etabliert sich Rohrsens neue Mannschaft wieder in Niedersachsens höchster Spielklasse und entwickelt sich zügig zu einer der Top-Mannschaften – vorsichtig richten die Verantwortlichen über die Jahre wieder den Blick in Richtung Drittklassigkeit. „Kennenlernen, Konsolidierung, Weiterentwicklung, Orientierung nach oben“, umschreibt Niepelt den Plan, den der Verein mit Nina und Carem Griese verfolgt. „Diesen Plan haben Nina und insbesondere Carem als Trainer zu nahezu 100 Prozent erfüllt. Dafür verdienen sie allerhöchsten Respekt.“ Rund viereinhalb Jahre später steht der MTV Rohrsen allerdings erneut vor einem riesigen Unterfangen...


Nele Biester verabschiedet sich ebenfalls.
Ein Blick in die jüngere Vergangenheit lässt eigentlich nur Euphorie für Rohrsens Fans zu. Zu Beginn des Jahres 2020 sind Rohrsens Oberliga-Frauen auf dem Höhepunkt ihres Schaffens, besiegen als einzige Mannschaft den unangefochtenen und scheinbar unschlagbaren Meisterschaftsfavoriten MTV VJ Peine. Alles läuft auf einen dramatischen Zweikampf um den Drittliga-Aufstieg hinaus – Rohrsen scheint in der Lage zu sein, das Unglaubliche in die Realität umzusetzen. Dann der Knall: die Corona-Pandemie hüllt die Welt in eine globale Krise, die den Hallensport in Deutschland nahezu komplett unmöglich macht. Zwar darf Rohrsen aufgrund des Verzichts des MTV VJ Peine in die dritte Liga aufsteigen, der Verein entscheidet sich aber aufgrund einer völlig ungewissen Zukunft dagegen. Um es in Zahlen auszudrücken: In zwölf Monaten hat Rohrsens Erste drei Punktspiele absolviert. Wenn der Amateur-Handball, wie geplant, im September 2021 den Spielbetrieb wieder aufnimmt, sind es sogar eineinhalb Jahre. Bereits im Sommer 2020 hat Rohrsen einige Abgänge zu verzeichnen. Victoria Pook (TV Hannover-Badenstedt), Nora Peter, Aileen Köller (beide Hannover), Carina Wolf (HSG Nienburg), Celin Niemeyer, Kirsten Bormann (2. Frauen), Saskia Parpart und Janika Kohnke-Zander (beide Laufbahn-Ende) verlassen den Verein oder beenden ihre Laufbahn. Mit einem „kleinen aber feinen“ Kader, wie Griese es im vergangenen Jahr charmant umschreibt, gelingt dem MTV ein Traumstart in die Saison 2020/21. Drei Spiele, drei Siege, Lockdown 2.0. Mit Beginn der kalten Monate steigen die Inzidenzwerte flächendeckend steil an. Es ist eine ungewisse Phase für den MTV. Die Frage lautet: Wann geht’s weiter? Daraus resultiert ein: Geht's überhaupt weiter? Die Antwort: nein. Der HVN entscheidet sich im Februar dazu, die Saison komplett abzubrechen und es mit der Saison 2021/22 erneut zu versuchen.

Derweil steigt auch die Unsicherheit der Spielerinnen, die sich zwar gerne für Rohrsen aufreiben würden, es aber nicht dürfen – und in der Corona-Pause merken, dass sie plötzlich viel flexibler sind, weil sie nicht mehr nach Hameln pendeln müssen. Niepelt erklärt: „Unser Einzugsgebiet zieht sich bis nach Hannover und Hildesheim.“ Grund dafür sei vor allem die geringe Dichte an guten Spielerinnen vor Ort. Trainer Griese ergänzt: „Natürlich machen sie sich in dieser langen Pause auch ihre Gedanken. Und natürlich gehören in diesem Zusammenhang Überlegungen dazu, wie viel Sinn diese Pendelei zwischen Hameln und Hannover letztlich ergibt, wenn sie in Hannover eine Liga höher spielen können und dabei weniger Fahrtstrecken zurücklegen müssen.“ Zu Beginn des Jahres 2021 wenden sich die ersten Spielerinnen an Griese und teilen ihm ihre Überlegungen mit. „Natürlich sprechen die Mädels auch untereinander, sie sind ein eingeschworenes Team. Dann kommt eines zum anderen, ohne dass da irgendwo jemand bewusst Einfluss auf fremde Entscheidungen nehmen möchte“, meint Griese. „Es ist ein Schneeball entstanden, der immer größer geworden ist.“ Ein Schneeball, der den MTV Rohrsen vor große Herausforderungen stellt.


Lena Körner orientiert sich sportlich nach Hannover.
Bedeutet konkret: Celina Männich, Nele Biester, Lena Körner, Jessica Hünecke, Carina Neumann und Julia Oschmann orientieren sich handballerisch nach Hannover, wo sie ohnehin leben, arbeiten, studieren. Cathrin Trant wird sportlich zugunsten ihrer Familie kürzer treten und Katharina Roberts hängt ihre Handballschuhe an den Nagel. Insgesamt acht Abgänge bei einer Kaderstärke von nominell 13 Spielerinnen. „Ein, zwei Abgänge sind immer irgendwie aufzufangen, aber diese Menge an Spielerinnen können wir nicht mit Neuzugängen ersetzen. Dazu fehlen einfach die Alternativen“, sagt Niepelt und unterstreicht nachdrücklich: „Ich kann versichern, dass Carem und alle Beteiligten wirklich alles unternommen haben, um den Kader zusammenzuhalten. Den Aufwand, den er in den letzten Wochen und Monaten trotz des ruhenden Spielbetriebs betrieben hat, ist aller Ehren wert.“

Griese gibt Einblick in die vergangenen Wochen: „Wir haben viele Gespräche geführt und ich kann versichern, dass keine Spielerin mit zwei lachenden Augen geht. Es ist mir besonders wichtig, noch einmal zu betonen, dass alles fair abgelaufen ist. Wir haben immer offen kommuniziert und leicht fällt diese Entscheidung keiner Spielerin. Uns hat als Verein immer der Wohlfühlfaktor ausgezeichnet. Aber dieser reicht nicht, wenn andere Wünsche an Priorität gewinnen. Dazu gehören eben die Fahrerei und die sportliche Perspektive. Die Möglichkeit, in der dritten Liga zu spielen, bedingt nun einmal den Aufstieg – und dieser schien zu Beginn des Jahres 2020 möglich. Dann kam Corona und die Situation wurde viel zu ungewiss, als dass wir dieses Abenteuer guten Gewissens hätten angehen können.“ Zwar hätten Überlegungen stattgefunden, die vom DHB angekündigten Aufstiegsturniere im Jahr 2021 zu spielen und so einen möglichen Platz in der dritten Liga zu sichern. „Als dann aber klar wurde, dass viele Spielerinnen sich ernsthaft mit dem Gedanken beschäftigen, uns zu verlassen, hatten wir andere Sorgen als den Aufstieg. Denn dieser bedingt einen großen und ausgeglichen besetzten Kader, um in der höheren Klasse auch mitspielen zu können“, erläutert Niepelt.


Bleibt Carem Griese Trainer des MTV Rohrsen?
Wie es nun weitergehen soll, sei derzeit noch unklar. Niepelt gibt Einblick in die aktuellen Überlegungen: „Wir haben zwei Optionen: Wir können die erste und zweite Mannschaft zusammenlegen und in der Oberliga weiterspielen, natürlich mit niedrigeren Ansprüchen. Oder wir gehen in die Landesliga und stellen uns in Ruhe neu auf, natürlich ebenfalls mit allen Spielerinnen, die dabei bleiben. Allerdings werden wir diese Entscheidungen nicht fällen, ohne mit jeder Spielerin gesprochen zu haben. Diese Gespräche laufen aktuell noch.“ Stellt sich selbstverständlich auch die Frage, wer die „neuen“ Rohrserinnen in eine neue Ära führen soll. Diesbezüglich hält sich Griese noch bedeckt: „Ich muss gestehen, dass ich mir über meine eigene Zukunft noch keine Gedanken gemacht habe. Bisher stand ausschließlich die Mannschaft im Fokus und das nicht ohne Grund. Ich kann nur sagen, dass ich mich sehr wohl im Verein fühle und die Zeit bisher sehr genossen habe. Wie es in der kommenden Saison bei mir aussieht, kann ich noch nicht sagen.“ Aktuell absolviert Griese die B-Trainerlizenz. Diese berechtigt einen Trainer, Mannschaften in der 3. Liga zu coachen. Niepelt hingegen würde gerne Griese an der Seitenlinie behalten, betont aber auch: „Wir haben in der zweiten Mannschaft mit Oliver Duus ebenfalls einen guten Trainer. Wir müssen mit beiden über die Zukunft sprechen, ob und in welcher Konstellation es weitergehen soll.“ Obwohl Rohrsens Zukunft aktuell ungewiss ist, steht eines fest: Beim MTV geben sie alles, um ein würdiger Vertreter Hameln-Pyrmonts zu bleiben. Wie schwierig es ist, überhaupt Frauen-Handball anzubieten, zeigen die Entwicklungen der letzten Jahre, gerade in ländlichen Gegenden – Gegenden wie Hameln-Pyrmont. Rohrsen hingegen hält den Frauen-Handball nicht nur am Leben, sondern erfindet sich regelmäßig neu. Man darf also gespannt sein, was dem MTV noch so einfällt...
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