23.03.2020 10:33

Meldung


„Spiel meines Lebens“: „DANKE SIGGI“ - Bundesligahandballer Siegesmund

Marc Siegesmund erlebt das Spiel seines Lebens mit Dessau / „Mir lief es eiskalt den Rücken herunter“
Marc Siegesmund Dessauer SV Handball Abschied
Marc Siegsmund bedankt sich bei den Dessauer Fans für ihre Unterstützung. Foto: privat.
Aufgezeichnet von Oliver Steffan

Die  legendäre sportliche Ausbildung der Kinder und Jugendlichen im Schulsport und den Sportvereinen und das engmaschige Scouting in der ehemaligen DDR bringt den jungen Marc Siegesmund in die Handball-Schmiede des besten ostdeutschen Handballvereins, dem SC Magdeburg. Hier durchläuft der schnelle, wendige und wurfstarke Rechtsaußen alle Jugendabteilungen und gilt Ende der 80er Jahre als eines der größten Talente im deutschen Handball. 

In unserer Serie spricht der ehemalige Bundesliga-Handballer des VfBHW Hameln über das Spiel seines Lebens:


Marc Siegesmund Dessauer SV Handball Abschied
Der erst 19-jährige Marc Siegesmund wird bei seinem Abschied aus Dessau gefeiert. Foto: privat.
„Als ich im Sommer 1991 aus der A-Jugend in den Herrenbereich aufgerückt bin, spielte auf meiner Position auf Rechtsaußen der 'Mister Magdeburg', Publikumsliebling Holger Winselmann. Er hat mit dem SC Magdeburg 1983, 1984, 1985, 1988 und als letzter Ostmeister 1991 fünf Meistertitel geholt und war in der DDR-Nationalmannschaft sowie auch in der gesamtdeutschen Nationalmannschaft Stammspieler. Mit seinen 243 Länderspielen und 483 Toren zählte er zu den herausragenden Handballern seiner Generation, war eine Institution beim SCM. Ich hätte zwar viel von ihm lernen können, wollte aber spielen und nicht nur trainieren. So vereinbarte ich mit der Magdeburger Vereinsführung, dass ich in die Bundesliga Süd zum Dessauer SV ZAB ausgeliehen werden konnte. Bei dem Verein Zementanlagenbau Dessau bekam ich die erhoffte Spielpraxis. Am Ende der Saison 1991/92 stiegen wir, weil in der darauffolgenden Saison wieder eine eingleisige Handball-Bundesliga starten sollte, als Tabellenzwölfter in die Zweite Bundesliga Mitte ab.

In der Hinrunde der Saison 1992/93 mischten wir, nun als Dessauer SV, von Beginn an oben mit und wechselten uns mit der HSG Suhl und dem OSC Rheinhausen an der Tabellenspitze ab. Ich traf  wie ich wollte und führte die Torschützenliste der Liga zu jenem Zeitpunkt mit 83 erzielten Toren an. Das blieb auch den Magdeburgern, bei denen ich noch unter Vertrag stand, nicht verborgen. Wir empfingen zum Abschluss der Hinrunde am 12. Dezember 1992 als Tabellenzweiter den Spitzenreiter OSC Rheinhausen. Vor dem Gipfeltreffen einigte sich die Führung des SC Magdeburg mit den Dessauer Vertretern, dass das Spiel gegen Rheinhausen mein letztes im Dress der Dessauer sein würde, da ich ab der Rückrunde wieder in Magdeburg spielen sollte. Sehr gern wäre ich in Dessau geblieben, weil ich mich dort absolut wohlfühlte und wir realistische Chancen hatten, wieder in die Erste Bundesliga zurückzukehren.

Marc Siegesmund Dessauer SV Handball Abschied
Die Dessauer Fans bedanken sich mit einem Banner für Marc Siegesmunds Dienste. Foto: privat.
Über 3.000 Zuschauer in der restlos ausverkauften Anhalt-Arena verwandelten die Halle in einen Hexenkessel. Rheinhausen reiste mit einer bärenstarken Mannschaft an, Daniel Stephan, der spätere Welthandballer, war schon 19-jährig der Kopf der Truppe, zudem stand mit Bülent Aksen, wie die 'Handballwoche' schrieb, ein 'wahrer Teufelskerl zwischen den Rheinhausener Pfosten'.

Das, was vor dem Spiel geschah, werde ich mein ganzes Leben nicht vergessen. Als wir einliefen und mein Name letztmals bei einem Dessauer Heimspiel genannt wurde, erhoben sich alle Zuschauer, applaudierten mir und erwiesen mir mit 'DANKE SIGGI'-Transparent die Ehre, mir, dem 19-jährigen Magdeburger Leihspieler. Mir lief es eiskalt den Rücken herunter, ich war natürlich sehr stolz, aber auch wie vom Donner gerührt, dass die Leute meine Leistungen so honorierten. Es war unglaublich und unbeschreiblich. Das ist das, was mir aus der Dessauer Zeit am eindringlichsten hängengeblieben ist!

Das Spiel wogte die ganze Zeit hin und her, die Fans peitschten uns nach vorn, doch auch trotz der knappen 23:24-Niederlage wurden wir gefeiert und nach Spielschluss  mit 'Standing Ovations' verabschiedet. Am Ende der Saison stieg Rheinhausen, punktgleich mit Suhl, aufgrund des besseren Torverhältnisses in die Bundesliga auf.

Marc Siegesmund Dessauer SV Handball Abschied
Marc Sigesmund im Interview mit dem MDR. Foto: privat.
Beim SC Magdeburg blieb ich in der Rückserie, wie ich schon befürchtet hatte, die Nummer zwei hinter Holger Winselmann und wurde nur sporadisch eingesetzt, sodass ich mich natürlich freute, dass mich der Coach des VfL Hameln, Nicola Beslac, unbedingt verpflichten wollte und mir Manager Peter Edelbüttel ein Angebot unterbreitete. Im Herbst 1992 trafen wir mit dem Dessauer SV im DHB-Pokal auf den VfL Hameln und Beslac gefiel wohl meine Spielweise. So wechselte ich im Sommer 1993 in die Rattenfängerstadt und durfte unter der Trainer-Ikone Sead Hasanefendic, der Beslac überraschend ablöste, mit Ausnahmespielern, wie dem Star der mazedonischen Nationalmannschaft Pepi Manaskov, Auswahlspieler Matthias Hahn, dem Kapitän der Nationalmannschaft Stephan Hauck, Keeper Jörg-Uwe Lütt, später dann auch unter Trainer Urs Mühlethaler, der auch die Schweizer Nationalmannschaft trainierte, gemeinsam auflaufen. Wir feierten große Erfolge, die Rattenfängerhalle kochte immer wieder und unter anderem wurden wir mit dem VfL Deutscher Vizemeister.

Zwei Spiele sind mir noch besonders in Erinnerung: Beim THW Kiel, in der atemraubenden Ostsee-Halle, mussten wir in der Saison 1994/95 gegen einen fantastischen Gegner und 10.000 Zuschauer ankämpfen und gewannen beim von Zvonimir Serdarusic trainierten Rekordmeister nach einer überragenden, geschlossenen Mannschaftsleistung völlig überraschend mit 29:21. Für Kiel waren zum Beispiel Krieter, Doppel-Weltmeister und Welthandballer Wislander, Ochel, Petersen, Olsson, Schwenke und Wiemann am Ball, die hatten eine tolle Truppe. Die sensationellen Fans wollten die Hütte abreißen, fühlten sich vom Schiedsrichter betrogen, erkannten aber auch unsere Topp-Leistung an.

In der Saison 1995/96 erreichten wir dann sogar das Europapokalfinale um den Euro-City-Cup. Zuvor schalteten wir im Halbfinale den ungarischen Spitzenclub Pick Szegad aus, verloren in den Finals dann aber mit 21:22 und 21:27 gegen Drammen HK aus Norwegen.

Unvergessen bleibt mir jedoch meine letzte Partie für Dessau in der Anhalt-Arena im Dezember 1992 – mein Spiel des Lebens...“
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