28.04.2021 10:36

Geschichte


Erstes Bundesliga-Tor der Geschichte - der Emmerthaler Woltemate ist dabei

Schiffsunfall stellt sich als Glück im Unglück heraus / Woltemathe: „Für einen Jungen aus dem Dorf eine völlig neue Welt"

Manfred Woltemate war als Binnenschiffer in ganz Deutschland unterwegs.
Eine flache Hereingabe und der anschließende Torjubel des Friedhelm „Timo“ Konietzka – mehr Fotomaterial existiert nicht. Bis heute ist umstritten, wann es überhaupt fiel, das erste Bundesliga-Tor der Geschichte. Wir schreiben das Jahr 1963. Die Bundesliga wurde gerade erst aus der Taufe gehoben, der erste Spieltag steht noch bevor. Erstmals in der deutschen Fußball-Geschichte treten die 16 besten Mannschaften Deutschlands in einer Liga gegeneinander an, um den ersten deutschen Bundesliga-Meister zu küren. Fast alle Spieler gehen zu diesem Zeitpunkt noch zusätzlich arbeiten, das Fußball-Gehalt reicht noch nicht zum Leben aus. Das Interesse ist an der neuen Bundesliga damals riesig, doch die Medien sind noch längst nicht so weit, dieses Interesse mit simultanen Live-Übertragungen zu bedienen oder überhaupt TV-Szenen von jedem Spiel zu drehen. Ohnehin steckt das Fernsehen zu diesen Zeiten noch in den Kinderschuhen, das ZDF hat erst wenige Monate zuvor begonnen zu senden, die Mainzelmännchen sind gerade erst geboren, Einschaltquoten sind etwas revolutionär Neues. Nur, um mal zu verdeutlichen, wie weit die Fernsehlandschaft der 60er Jahre noch entfernt von der heutigen ist: Erst 20 Jahre später, im Jahr 1984, taucht der erste private Fernsehsender auf, die heutigen Größen wie RTL oder Pro7 folgen teilweise noch später.

Um überhaupt bewegte Bundesliga-Bilder in die samstägliche Sportschau zu bekommen, sind Risiken nötig. Die Kamerafilme werden von über die Autobahnen bretternden Motorradkurien im Eiltempo nach Köln gebracht und dort möglichst schnell in Spielzusammenfassungen zusammengestrickt, um dann für das deutsche Publikum ausgestrahlt zu werden. Das Internet wird erst in rund 30 Jahren für private Nutzer zugänglich, digitale Aufnahmen sind noch lange nicht erfunden – auf welchem Computer hätten sie auch abgespielt werden sollen? Den guten alten Windows Media Player gibt's noch lange nicht. Selbst Microsoft ist noch nicht gegründet, Bill Gates gerade mal acht Jahre alt. Die Umstände sind in der Retrospektive nahezu unvorstellbar. Von unserem Wohnzimmer aus liegt uns das gesamte Wissen der Menschheitsgeschichte zu Füßen – das war mal komplett anders.

Kein Wunder also, dass es auch mal vorkommt, dass die eine oder andere wichtige Szene fehlt oder schlichtweg keine TV-Kameras bei Bundesliga-Spielen zugegen sind. Und dazu gesellt sich ausgerechnet das erste Tor der Bundesliga-Geschichte. Als Werder Bremen den amtierenden Deutschen Meister Borussia Dortmund empfängt, sind lediglich Fotografen vor Ort – und diese stehen auf der anderen Seite des Feldes. Weil Bremen damals als Favorit gilt, spekulieren sie auf ein Tor der Grün-Weißen und positionieren sich in der Nähe des Dortmunder Tores.

Doch kommt alles anders, als es im Grunde jeder im Stadion erwartet: Noch in der ersten Minute fährt der BVB einen Angriff über die linke Seite, von dort dribbelt Lothar Emmerich bis zur Grundlinie und bringt den Ball in die Mitte des Sechzehners, wo Friedhelm „Timo“ Konietzka das Leder erwartet und es zum 1:0 im Bremer Tor versenkt. Viele Quellen berichten von 35 Sekunden, die bis dahin gespielt sind, andere von 55 Sekunden. Bis heute existiert kein Foto vom Torabschluss. Die rund 30.000 Zuschauer im Stadion sind die einzigen Zeugen, die diesen Treffer in vollen Zügen genießen können - oder sich darüber ärgern.


Manfred Woltemate (untere Reihe, 2.v.li.) mit seiner Matrosenmannschaft. Foto: privat.
Einer von ihnen ist der Ur-Emmerthaler Manfred Woltemate. Der Binnenschiffer tingelt schon vor der Bundesliga-Gründung durch die deutschen Stadien. Seine Leidenschaft brennt für die Bremer. „1952, als ich 13 Jahre alt war, sind wir mit dem Schiff auf der Weser nach Bremen gefahren, um Ferien zu machen. Vom Bremer Osterdeich war es nicht weit zum Weserstadion, also haben wir uns ein Spiel von Werder angeschaut“, erinnert sich Woltemate. Es ist Liebe auf den ersten Blick. „Sofort war ich ein Werder-Fan. Ich war fasziniert von diesem Verein. Gegen wen Werder damals gespielt hat oder wie das Spiel ausgegangen ist, weiß ich aber nicht mehr. Das liegt schon ein paar Jahre zurück“, lacht er.

Woltemate kommt dank seines Berufes viel in Deutschland herum – und nutzt diesen Vorteil gerne, um sich mit seinen Arbeitskollegen Fußballspiele anzuschauen. Karlsruhe, Frankfurt, Gelsenkirchen oder Nürnberg sind nur einige der Stationen, die er mitunter für einen Stadionbesuch nutzt. „Wenn wir irgendwo mit unserem Schiff gelegen haben, haben wir die Stadien auch immer mitgenommen.“


Das Schiff von Woltemate und seiner Besatzung wird geborgen. Foto: privat.
Gegen Ende des Jahres 1962 ist Binnenschiffer Woltemate mal wieder mit dem „Blechkasten“ beruflich in Bremen. Aus dem Routineauftrag wird jedoch ein nervenaufreibender Krimi für die Schiffsbesatzung. Ein wesentlich größeres Schiff übersieht Woltemate & Co. bei einem Wendeversuch. Es kommt zur Havarie, einem Unfall zwischen zwei Schiffen. „Eigentlich war Bremen nur eine Zwischenstation, wir wollten in die Niederlande. Jedoch ist das Schiff aufgrund des Unfalls untergegangen bzw. trockengelaufen. Als es zum Unfall kam, standen wir hinten im Steuerhaus. Dem Schiffsjungen, der vorne stand, haben wir noch zugerufen, schnell zu uns nach hinten zu laufen. Zum Glück wurde keiner verletzt. Aber das Schiff war erstmal hin“, erzählt Woltemate. Anschließend muss das Schiff geborgen und repariert werden – für die Besatzung, die während der Reparaturen in der Nähe des Schiffs bleibt, ist die neue Heimat also erst einmal Bremen. „Ich bin alle 14 Tage mal nach Hause gefahren, wenn Bremen kein Heimspiel hatte“, erzählt der damalige Junggeselle. Die Reparatur dauert viele Monate und so warten Woltemate und seine Arbeitskollegen bis in den Spätsommer 1963 hinein, ehe der Weg für sie weitergeht.

„So kam es, dass ich das erste Bundesliga-Spiel der Bremer gegen den BVB sehen konnte. Der damalige Reparaturmeister hatte uns Karten besorgt. Also sind wir mit der Straßenbahn zum Marktplatz gefahren, mit der Linie 3 zum Weserwehr und von dort ins Stadion“, beschreibt Woltemate einen für ihn unvergesslichen Tag. „Als wir im Stadion angekommen sind, war ich erst einmal total verdutzt. Für einen Jungen aus dem Dorf ist so eine Kulisse immer wieder eine völlig neue Welt. Wie die Leute gejubelt haben – das war immer wieder überwältigend.“ Woltemate sitzt unmittelbar neben dem Spielertunnel, sieht die Bundesliga-Kicker aus nächster Nähe – und schaut sich noch immer beeindruckt um, als der Anpfiff erfolgt ist und direkt das erste Tor fällt. „Nach dem 0:1 waren die Mienen erstmal betreten. Ich selbst habe das Tor gar nicht richtig wahrgenommen, war noch völlig überwältigt von der Kulisse.“


Erinnerungsfotos an viele Jahre mit der TSG Emmerthal. Foto: privat.
Der Rest des Nachmittags verläuft jedoch nach seinem Wunsch. Willy Soya gleicht in der 34. Minute aus, direkt nach Wiederanpfiff zur zweiten Halbzeit bringt Arnold Schütz die Bremer mit 2:1 in Führung (46.) und Theo Klöckner sorgt nur vier Minuten später für das 3:1. Konietzkas zweiter Streich zum 2:3-Endstand aus Dortmunder Sicht kommt in der 90. Minute zu spät, Werder jubelt.

„Autogramme oder so einen Kram habe ich mir aber nicht geschnappt. Das war zu dieser Zeit noch nicht in Mode“, sagt Woltemate, dem damals noch gar nicht bewusst ist, dass er etwas mit eigenen Augen gesehen hat, worum ihn viele Menschen beneiden. „Ich war 24 Jahre alt, da hat man doch gar nicht dran gedacht. Im Nachhinein ist man natürlich ein bisschen stolz darauf, aber an und für sich war es ein Spiel von ganz vielen, die ich gesehen habe. Danach war ich noch oft in Bremen. Ende der 70er Jahre zum Beispiel durfte ich mit meiner Ehefrau in den Kabinentrakt. Dort wurden Zigarren für die Gäste verteilt, das war ebenfalls ein schönes Erlebnis.“

Selbst tritt Woltemate zwar nie für einen Verein gegen das geliebte Rund, doch engagiert er sich im Laufe seines Lebens als Betreuer, Fahrer und Zuschauer für die TSG Emmerthal. „Ich konnte zwar laufen wie ein Hase, aber es hat aufgrund meines Berufes einfach nicht geklappt. Trotzdem war ich dem Emmerthaler Fußball und Handball immer sehr verbunden. Als ich 1966 mein erstes Auto hatte, einen Ford 17m P5, den Nachfolger der 'Badewanne', bin ich mit meinen Emmerthaler Freunden Siegfried 'Ede' Wolf und Manfred Grunow zum Fußball gefahren, habe Spieler mitgenommen oder bin als Betreuer mitgefahren.“ Noch heute schaut sich Woltemate gerne Spiele der Fuß- bzw. Handballer der TSG an. Nur jubelt er jetzt seinen Enkeln zu.

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Autor des Artikels

Jannik Schröder
Jannik stieg nach seinem Praktikum vor einigen Jahren neben dem Studium als Freier Mitarbeiter bei AWesA ins Boot – und ist nach seinem Master-Abschluss in Germanistik und Geschichte seit Oktober 2015 Chefredakteur.
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