08.08.2018 11:47

med & train


Flossing - was ist denn das?

Die Physiotherapeuten Kolja Schweins und Andreas Plaul stellen das Flossing vor / ...und geben ihre Einschätzung
Von Kolja Schweins & Andreas Plaul

Flossing - Was ist denn das?

Ein verletzter Sportler steht am Spielfeldrand, ein Betreuer „schnürt“ ein elastisches buntes Band um seinen Oberschenkel. Der Aktive bewegt sich auf der Stelle und macht ein paar Meter mit der Kompression. Nach zwei bis drei Minuten wird er wieder vom Band befreit. Der Sportler bewegt sich ohne Band und läuft im optimalen Fall wieder auf das Spielfeld. Dieses Szenario kann man am Spielfeldrand oder auch in den Katakomben der Stadien immer häufiger beobachten. In der Sport-Therapie bei Spitzensportlern ist Flossing eine dieser Behandlungsmethoden, die nicht mehr wegzudenken sind - auf den hiesigen Sportanlagen sind die Gesichter der Zuschauer doch eher mit Fragezeichen versehen, wenn ein Betreuer/Therapeut mit dieser Art der Therapie einen akut verletzten Sportler behandelt.

Flossing Knie Flex
Flossing am Knie


Was ist Flossing?
Bunte elastische Bänder gibt es schon lange bei den Therapeuten. Diese wurden z.B. benutzt, um als Widerstand bestimmte Muskeln und Muskelketten zu kräftigen – Therabänder oder auch Deuserbänder (anderes Material) genannt. Das Material ist ähnlich wie Theraband, die Stärke/Dicke und die Anwendung eine ganz andere.

Wie sehen die Bänder aus?
Egal welchen Hersteller man sich anschaut, die Bänder sollten aus 100 Prozent Naturkautschuk bestehen. Die Länge und Breite können sehr stark variieren. Je nach Behandlungsort gibt es breitere (z.B. Oberschenkel) oder schmalere (z.B. Hand) Bänder. Die Farbe variiert je nach Stärke/Dicke zwischen 1,1 mm und 1,6 mm.

Woher kommen die Bänder?
In den 1990ern ist Flossing in der USA von Kelly Starrett „entdeckt“ worden. In seinem Buch „Werde ein geschmeidiger Leopard: Die sportliche Leistung verbessern, Verletzungen vermeiden und Schmerzen lindern“ beschreibt er einige Anwendungsmöglichkeiten. Er selbst bezeichnete das Flossing als „Voodoo-Flossing“ - vielleicht auch, weil er über den Erfolg seiner Methode selbst erstaunt war und diese auch nicht wissenschaftlich erklären konnte.

In der Sportmedizin hat diese Technik Einzug gefunden, da sie bei „leichter“ Problematik innerhalb kurzer Zeit eine hohe Erfolgsrate zeigt, sodass Spieler wieder ins Spielgeschehen eingreifen können, die man normalerweise nicht mehr hätte einsetzten können.

Wo kann ich Flossing einsetzten?

Indikation:
Allgemeine Symptome, die behandelt werden können (unter Voraussetzung der Kontraindikationen):
Schmerz & Bewegungseinschränkung der Extremitäten und des Rumpfes

Flossing Oberschenkel
Flossing am Oberschenkel.


Weitere Indikationen:
  • Myofasziale Dysbalance
  • Arthritische & fibrotische Gelenke
  • Trauma
  • Akute posttraumatische Ödeme
  • „frozen shoulder"
  • Diskuspathologien Handgelenk
  • Muskelzerrung/ - faserriss/ - riss
  • Tendopathie (M. Biceps brachii, Epikodylitis)
  • Bänderdehnung/ -ruptur
  • Narben & Verklebungen
  • Denkbar: Tonusänderung bei neurologischen Erkrankungen wie z.b. M.Parkinson, Apoplex mit vorhandener Hemiparese
  • Regeneration, Refreshment, Sporttherapie


Wann darf ich Flossing nicht einsetzten?

Kontraindikation:
  • Absolute
  • Latex Allergie (Möglichkeit: Anwendung über der Kleidung?)
  • Thrombophlebitis
  • Phlebothrombose
  • pAVK
  • akute Tumorerkrankungen (Cave: Matastasierung)
  • Fraktur
  • Pathologische Neoplasmen
  • Herzinsuffizienz St. C&D (Volumenüberlastung)
  • Hochdosierte Kortikosteroide
  • Blutverdünner (ASS, Plavix usw.)
  • Akut bakteriell & virale Entzündungen
  • Hämophilie
  • Fraktur
  • Osteopose
  • Osteogenesis imperfecta (Glasknochenerkrankung)


Relative
  • Offene Wunden, Verbrennungen, starke Hautirritationen
  • Hautveränderungen(Psoriasis, Neurodermitis, Cortisonhaut, etc.)
  • Fieber
  • Schwangerschaft
  • Hypertonie
  • Hypotonie
  • Varikosen
  • Chronisch entz. Prozesse
  • Schilddrüsendysfkt.
  • Gelenkersatz
  • Psychisches Belastungstrauma

Wie ist der Ablauf?
  1. Zunächst muss sich der Behandelnde davon überzeugen, dass diese Behandlung für die Problematik des Spielers keine Gefahr darstellt (Kontraindikation).
  2. Befund
  3. Test (Defizit/Schmerz/Bewegung reproduzieren)


Flossing Ellenbogen
Flossing am Ellenbogen.


Nach dem „Kurzbefund“ ist der Ablauf wie folgt:

Maximale einer Anlage (Applikation). Dauer: zwei bis drei Minuten.
Es gibt unterschiedliche Applikationen in spezifischen, an den Patienten angepassten Variationen:
Die Anlage IR (Innenrotation) oder AR (Außenrotation) wird von distal nach proximal mit unterschiedlichen Zugstärken gewickelt. Wir können unterscheiden:
  • „Allinklusiv“ mit einer zirkulären Anlage
  • „Anker“ mit einer ersten Windung mit ca. 50 Prozent Zug und jeder weiteren Wicklung mit 50 Prozent Überlappung bei ca. 60 bis 80 Prozent Zug
  • oder auf der Schmerz-Dysbalance-Seite 60 bis 80 Prozent Zug, dabei auf der Gegenseite 50 Prozent

Behandlungsdurchführung:

Phase 1: Anlage
Nach Anlage des Bandes entscheidet der Behandler, ob er folgendes tut:

Passiv
  • Therapeut bewegt die Extremität

Aktiv unloaded
  • Patient bewegt die Extremität selbst
  • Die Ausgangsposition ist unbelastet

Aktiv loaded
  • Patient bewegt die Extremität selbst
  • Die Ausgangsposition ist belastet
  • Spezifische Leistungsoptimierung
  • Patient bewegt in einer belasteten und koordinativ anspruchsvollen Situation

Phase 2:
  • Refill (sekundär) Abnahme der Applikation

Phase 3:
  • Releasing Passiv/Aktive Bewegung ohne Applikation (möglichst großes Bewegungsausmaß)
  • Retest (Defizit/Schmerz/Bewegung reproduzieren)/Veränderung feststellen
  • Mögliche weitere Wiederholung der Behandlung

Fazit:
Spannend wird sein, ob diese Art der Behandlung sich durch die guten Ergebnisse auch langfristig etablieren kann. In der Akutbehandlung im Sport in Deutschland findet man leider viel zu häufig die längst überholte Anwendung der P.E.C.H.–Regel.
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Autor des Artikels

Team AWesA
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